ZEIT: Herr Minister Simon, teilen Sie die Auffassung von Bundeskanzler Helmut Schmidt, daß die Inflation letzten Endes die demokratischen Gesellschaften in Gefahr bringen kann?

Simon: Ich teile sie voll und ganz. Die Geschichte ist übersät mit Trümmern politischer Systeme, die an der Inflation gescheitert sind. Die eigenen Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg befähigen die Deutschen zu einer realistischen Einschätzung des politischen und gesellschaftlichen Schadens, den eine Inflation verursachen kann. Nach meinem Dafürhalten wird sich aber die Öffentlichkeit in allen demokratischen Ländern der Gefahren der Inflation immer stärker bewußt. Inflation kann sich sehr wohl als das wirtschaftliche Problem unserer Zeit erweisen, so wie die große Depression das Wirtschaftsproblem der dreißiger Jahre war.

ZEIT: Wie die Dinge liegen, scheint die amerikanische Regierung entschlossen, die Staatsausgaben zu begrenzen. Der US-Zentralbankrat lehnt zudem eine Lockerung der derzeitigen Hochzinspolitik solange ab, bis das "Feuer der Inflation ausgebrannt ist", wie sich der Vorsitzende des Rates, Arthur, Burns, ausdrückte. Fürchten Sie nicht, daß eine deflationistische Politik das reale Wachstum des Bruttosozialproduktes beeinträchtigen könnte?

Simon: Wer von der Einschränkung der Staatsausgaben in den USA spricht, sollte die Tatsache nicht übersehen, daß eine Begrenzung der Bundesausgaben auf 300 Milliarden Dollar oder knapp darunter im Haushaltsjahr 1975 immerhin Mehrausgaben von 30 Milliarden Dollar oder zehn Prozent mehr gegenüber dem vorausgegangenen Haushaltsjahr zuläßt. Was die Geld- und Finanzpolitik angeht, so vertritt der Vorsitzende des Zentralbankrates sehr zu Recht die Auffassung, wir sollten die Politik maßvoller Einschränkungen weiterführen. Das entspricht auch meiner eigenen Lagebeurteilung und besagt nichts gegen geringfügige Senkungen der Zinssätze, sobald sich der inflationistische Trend verlangsamt. Sicherlich kann die Zurückdrängung der Inflation eine Vorübergehende Senkung der Wachstumsrate des realen Bruttosozialprodukts zur Folge haben. Was aber wäre die Alternative hierzu? Doch gewiß nicht, die Wachstumsrate des Bruttosozialproduktes ohne Rücksicht auf etwaige inflationistische Folgen zu beschleunigen! Das würde nur schärfere Anpassungsmaßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt erforderlich machen.

ZEIT: Eine Rezession in den USA, von einer Depression ganz zu schweigen, würde rasch auf alle größeren Industriestaaten des Westens übergreifen. Teilen Sie die wachsende Sorge, daß die westlichen Industrieländer einer neuen Weltwirtschaftskrise entgegengehen?

Simon: Sicherlich droht im Augenblick eher eine Inflation als eine Weltwirtschaftskrise. Wir sind uns dessen bewußt, daß die industrialisierte Welt in den Jahren 1972 und 1973 einen konzertierten Wirtschaftsaufschwung erlebt hat und daß umfassende restriktive Maßnahmen zu einem konzertierten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit weit über die Erwartungen der einzelnen Länder hinaus führen können. Deshalb werden wir die Lage sorgfältig beobachten. Auch wenn wir bereit sein müssen und bereit sind, sofort zu handein, sobald sich entgegen unseren Erwartungen Hinweise auf eine bevorstehende Depression ergeben sollten, wäre es tragisch, wenn wir den Fuß von der Bremse nähmen und statt dessen auf das Gaspedal treten würden, solange wir zweistellige Preissteigerungen zu verzeichnen haben. Ich darf dem hinzufügen, daß es, wie die Erfahrung lehrt, viel leichter ist, das Wachstum zu beleben, als die Inflation unter Kontrolle zu bringen.

ZEIT: Viele glauben nicht an die Entschlossenheit der Regierungen, die Inflation zu bekämpfen. Wenn sie zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation zu wählen haben, entscheiden sich die Politiker für die Inflation. Eine unkontrollierte Inflation aber könnte eine Stagflation, eine Inflation bei gleichzeitiger Depression, auslösen.