Von Rolf Michaelis

Der neue, vierte Roman des sechzigjährigen Alfred Andersch wagt einen Gegenentwurf zur deutschen Geschichte der letzten dreißig Jahre. Phantasie, politische Leidenschaft und moralische Energie werden angefeuert durch die Wunschfrage: Was wäre wenn ...

Wie sähe Deutschland heute aus, wie wäre die geistige und sittliche Verfassung des Landes, wenn es wirklich Widerstand gegen die Diktatur der Verbrecher gegeben hätte? Wenn deutsche Offiziere – nein, nicht ihre „Ehre“, nur ihren Sachverstand als Spezialisten der Kriegsführung bemüht und so viel Mut aufgebracht hätten, einem militärischen Dilettanten und wahnsinnigen Oberbefehlshaber zu widersprechen und seine für das Heer und das Land mörderischen Pläne zu durchkreuzen? Stellvertretend für diesen Strang der Erzählung – Geschichte als Sandkastenspiel – steht der (von Andersch erdachte) Plan eines deutschen Offiziers, im letzten Kriegswinter sein Bataillon den Amerikanern kampflos zu übergeben.

Auch der Roman als Denkspiel muß, wenn es um historische Ereignisse geht, sicher in Raum und Zeit gegründet sein. Dem Irrealis einer Wunscherzählung, dem konjunktivischen Stil der Fiktion muß ein Berichten im Ton militärischer, geographischer, kriegsgeschichtlicher Tatsachen entsprechen. Andersch holt sich den kühlen Klang statistischer Faktentreue nicht nur mit Zitaten aus offiziellen Kriegstagebüchern und Militärmemoiren in den Roman, sondern pflegt ihn auch selbst im spröden, knappen Stil der besten Erzählmomente.

Aus beiden Elementen des neuen Buches –

Alfred Andersch: „Winterspelt“, Roman; Diogenes Verlag, Zürich, 1974; 600 S., 34,–DM

gelingt es dem Autor jedoch nicht, ein in sich gespanntes episches Kunstwerk zu bauen. Der Möglichkeitssinn des Denkspiels bringt, wie jede Form der Unwirklichkeit, einen Zug von Leichtigkeit, ja Leichtfertigkeit in die Erzählung, die sich hier nicht als Heiterkeit, allenfalls als Unernst und beflissene Ironie äußert. Thema des Buches und Temperament des Erzählers widerstreben der Lockung des Denk-Spiels zu immer neuen, kühneren Hypothesen. Das Hauptthema – Kapitulation vor allem Kampf, Überwindung militärischer Kategorien durch Verhalten nach den Einsichten der Vernunft – wird kaum durchgespielt; es ist gegenwärtig (fast) nur durch Aussparung (entspricht damit allerdings dem Kunstcharakter indirekten Sprechens in diesem Buch).