Im März 1971 hatte ein US-Militärgericht den Oberleutnant William L. Calley wegen Mordes an mindestens 22 südvietnamesischen Zivilisten zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt und in Unehren aus der Armee gestoßen. Präsident Nixon gewährte dem Verurteilten dennoch Hausarrest, bis alle Instanzen durchlaufen waren; der zuständige Militärgerichtsherr begnadigte Calley schließlich zu zwanzig Jahren Freiheitsstrafe. Der Offizier war einer der Verantwortlichen der untersten Stufe für das Massaker von My Lai. Außer ihm wurde niemand bestraft.

Letzte Woche nun hob Distriktsrichter Robert Elliot in Columbus/Georgia das Calley-Urteil vollends auf und verfügte die sofortige Entlassung des Delinquenten aus dem Arrest. Die juristischen Gründe lassen sich hören, obgleich sie deutschem Rechtsverständnis eher fremd sind und hierzulande einen Freispruch in der Revisionsinstanz oder im Wiederaufnahmeverfahren sicher nicht tragen würden: Calley habe seinerzeit kein faires Verfahren gehabt; er sei von Presse, Rundfunk und Fernsehen vorab verurteilt und damit zugleich einer parteiischen Justiz ausgeliefert worden. Denn der Vorsitzende des Militärgerichts habe, anders als zivile Richter, den Einfluß der veröffentlichten Meinung auf seine Mit-Juroren nicht unterbinden können.

Deshalb sei Calley auch um die Chance gebracht worden, den damaligen US-Verteidigungsminister Melvin Laird und den Oberkommandierenden in Vietnam, General Westmoreland, in den Zeugenstand zu rufen, sie nach ihrer Mitverantwortung zu befragen und den Belastungszeugen zu konfrontieren. "Der Schuldspruch über Calley diente nur als Abführmittel zur Erleichterung des Gewissens der Nation; mit seiner Verurteilung wollte die Armee ihr Image verbessern."

Einiges spricht für die Logik dieser Konklusion, selbst wenn an Calleys Schuld kein Zweifel besteht. Sie könnte sogar erklären, weshalb die US-Army gegen die Freilassungs-Order Berufung eingelegt hat: Nicht um der sühnenden Gerechtigkeit willen, sondern, um sich ihren Sündenbock für die amerikanischen Vietnam-Greuel zu erhalten, für die My Lai zum Inbegriff geworden ist.

In einer dem Urteil beigefügten persönlichen Begründung übertrifft Richter Elliot freilich selbst die schlimmsten Mutmaßungen über Schuld- oder Freispruchmotive. "Krieg ist Krieg" schreibt er dort, "und es ist keineswegs ungewöhnlich, daß unschuldige Zivilisten wie die Opfer von My Lai getötet werden. In der gesamten überlieferten Geschichte war es so. Es war so, als Josua Jericho einnahm. Josua wurde allerdings nicht wegen Mordes an der Zivilbevölkerung Jerichos angeklagt. Aber schließlich, so sagt man uns, stand ja Gott auf Seiten Josuas." Elliot erwähnt auch die Einnahme der polnischen Stadt Plozk durch Iwan den Schrecklichen, der ungestraft befohlen habe, die gesamte jüdische Bevölkerung zu ertränken.

Von Lidice und Oradour und vom Wüten deutscher Einsatzkommandos beim Vormarsch in Rußland ist nicht die Rede. Und auch nicht vom Gericht der Sieger in Nürnberg, das den Krieg keineswegs als Entschuldigung für vorsätzlichen Mord an Zivilisten gelten ließ, wenngleich es dafür nur Deutsche bestrafte.

Es scheint, als habe das Bemühen, der Menschlichkeit auch im Kriege einen Platz zu sichern, mit dem Spruch des Richters Elliot eine neue Niederlage erlitten. Telford Taylor, einer der amerikanischen Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, schrieb schon bald nach My Lai: "Wir haben es nicht geschafft, die Lektionen zu lernen, die wir in Nürnberg lehren wollten, und genau dieses Versagen ist die Tragödie des heutigen Amerika."

Hans Schueler