Von Richard Mönnig

Die Erlernung einer fremden Sprache sei zugleich „die Gewinnung eines neuen Standpunktes in der bisherigen Weltanschauung“ – dieses Wort Wilhelm von Humboldts ist eine großartige Anerkennung der Arbeit aller Übersetzer. Sie, die „großen Dienenden“, wie Hans Erich Nossack, die „Verräter, Brückenbauer, Waisenkinder“, wie Marcel Reich-Ranicki sie nannte, haben zu allen Zeiten geholfen, die Fenster aufzumachen, damit Religionen und Kulturen, Gedanken und Gesetze sich frei entfalten können.

Eine leichte Aufgabe haben sich die Übersetzer nicht ausgesucht. Nicht alles ist so einfach zu übertragen wie „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern. Einmal soll der Sinn, ein andermal die Schönheit, ein drittes Mal der Inhalt wiedergegeben werden; oder die Wortspiele oder der Klang oder die Assoziationen oder alles zugleich. Die Kriterien für die Übertragung von Gedichten und Gesetzen, metaphysischen Prinzipien und Manuskripten der Nasa sind verschieden. Worte und Begriffe haben in jeder Sprache einen anderen Wert. „Innerlichkeit“, „Preußentum“ und „Tüchtigkeit“ sind Worte, die in ausländischen Ohren anders klingen als bei uns. Nicht alle verfügen über den gleichen Wortschatz; „Fairness“, „Charme“ und „Harakiri“ haben wir darum unübersetzt übernommen und die Japaner das deutsche Wort „Gewalt“, die Amerikaner „Kindergarten“, „Sauerkraut“ und „Gemütlichkeit“, „Weltschmerz“ oder „Ostpolitik“. Oft fehlen die Worte ganz. Bevor die burmesische Regierung 1947 daranging, Werke der Weltliteratur übersetzen zu lassen, mußte sie eine Wortbank schaffen, um für fast fünfzigtausend zuvor im Burmesischen nicht bekannte Dinge und Begriffe neue Worte zu finden.

In vielen Religionen fehlt der Gottesbegriff im christlichen Sinn. „Sünde“ ist ein westlich-metaphysischer Begriff, für den es in China kein Äquivalent gibt. Ja und Nein, Gut und Böse als sich ausschließende Gegensätze sind typisch für das abendländische Denken. Zwischen Gestern und Morgen, Vergangenheit und Zukunft machen Zigeuner keinen großen Unterschied, weil beides für sie Nichtgegenwart ist. Bei uns ist die Farbe der Trauer Schwarz, bei den Indianern Violett, bei Asiaten Weiß.

Nie haben die in den Äquatorialzonen Lebenden eine Schneeflocke gesehen. Sie wissen nicht, was es heißt, wenn der Frühling sein blaues Band durch die Lüfte wehen läßt, kennen weder die Schönheit der langen hellen Sommernächte noch die goldenen Herbsttage. Uns aber fehlen die Worte, um die herrlichen Reitergeschichten aller Nomadenvölker, die für ihre geliebten Pferde mehr als hundert Worte haben, in unsere Sprache zu übertragen.

Auf einer vom American PEN veranstalteten Conference on Literary Translation berichtete Dale S. Cunningham, Präsident des amerikanischen Übersetzerverbandes, daß ein Wort in der japanischen Antwort auf das Ultimatum der Alliierten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges so oder so übersetzt werden konnte. Von den zwei Möglichkeiten wählte der Übersetzer den Ausdruck, der die Tür für jede weitere Verhandlung verschloß. Daraufhin wurden die ersten Atombomben geworfen.

„Das Zeitalter der Kommunikation erkennt notwendig der Übersetzung im Weltaustausch einen höheren Sinn und Wert zu“, sagte Wolfgang Schadewaldt 1965 bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Alle Ereignisse, die die Welt bewegen, können heute jederzeit an jedermann, unverzüglich und unmittelbar übermittelt werden. Das ist nicht nur der modernen Technik und Organisation zu verdanken, sondern auch diesen Multiplikatoren, den Übersetzern; eines Tages zum Teil vielleicht auch den Übersetzungsmaschinen. 1970 meldete die Unesco aus Hongkong, daß die Chinesen einen Computer entwickelt haben, der in der Minute tausendfünfhundert arabische Schriftzeichen ins Chinesische übertragen könne. Zur gleichen Zeit wurde aus Karachi berichtet, daß die Sowjets in weniger als einer Minute vermittels Laserstrahlen eine ganze Druckseite aus dem Japanischen ins Russische oder in jede andere Sprache übersetzen können. „Die schwierigsten technischen Probleme einer maschinellen Übersetzung sind von den Kybernetikern und Mathematikern bereits gelöst worden“, heißt es bei Mario Wandruszka.