Von Fritz J. Raddatz

Nicht ist dieses Buch: Fickfibel, Schwulentratsch, Fleckenpapier; es sei denn, man ließe Proust und Genet dafür gelten – Hubert Fichte: "Versuch über die Pubertät", Roman; Hoff mann und Campe Verlag, Hamburg, 1974; 308 S., 26,– DM.

Dieser Roman ist "erbrechenartige Erinnerung", perfektes Beschreibungsritual, unerbittlich bis zur Gnadenlosigkeit – eine artistische Glanzleistung. Es hat die scheinbare Mühelosigkeit hauchfein geäderter Blätter, deren lyrische Zartheit und fremde Arithmetie. Der Zuruf des Beginns: "Setz doch dein Ich in Anführungsstriche – nenn dich ‚Roman‘" schafft jene analytische Distanz, die eines verrät: Grundgestus von Fichtes Prosa ist Angst. Der entspringt diese nur bei oberflächlicher Betrachtung manieriert wirkende Additionstechnik seines Stils, jene steife, raschelnde Vokabulare Zeremonie, die Welt durch ein Haarsieb von Neugier und Entsetzen wahrnimmt – nein, "falsch" nimmt – und das heißt, sich ihrer erwehrt, indem sie formalisiert: "Ich okuliere durch meine Erzählung Realität."

Fichte benutzt die "Litanei", um eine Vergiftung durch Wörter zu erreichen; dieser Vorgang ist einer sowohl des Bewußtwerdens wie der Bewußtlosigkeit: "Der Sinn sackt zurück und die Wörter selbst fliegen hoch und winken Nebenwörter herbei, saugen sich voll und fallen wieder herab, nicht weit entfernt von dem Ort, wo sie hochgestiegen sind... Wenn die Litanei in der Nähe von körperlichen Abbildungen gewählt wird, verwandelt sie sich selbst in Zärtlichkeit, Begierde, in mehrgeschlechtliche Körper, und Hermaphroditen bewegen sich aus dem Mund heraus und zu den Augen wieder herein. Schlimmer: Mund und Ohren fallen ab und ich werde blind."

Fichtes überwältigende Begabung ist – Nervosität. Ihr verdankt sich der vibrierende Tanz von Annäherung und Entfernung, der Wortkult von Pinzettenpräzision und Pincenez-bewehrtem Bösen Blick, der bis ins stilistische Detail die Spannung dieser epischen Kunst produziert: "So imitieren, daß ich bin, was ich imitiere." Das könnte noch intelligente Kokettiergirlande sein, käme als nächster Satz nicht ein Wort: Liebe. Fichtes nahezu zwanghafte Recherche del’Innocence perdue, Suche nach der verlorenen Unschuld, ist die Suche nach einem Glück, das er als nicht einlösbar gleichzeitig denunziert. Wann immer dieses befremdliche Schneckensystem – von dem man nicht weiß, schleicht sich einer an oder davon – Emotion einläßt, wird sie in der Lauge der Fragwürdigkeit geätzt: "Empfinde ich gar nichts? Sind meine Riten, mein Fußpilz, mein Individuum, mein Gluck und Glück nur ein Modell aus sehr feinem Schnee und Quarz – mechanisch? Empfindlichkeit eine quasisyntaktische Aussage?"

Daher der zitternde Bogen, der Gewalt und Zärtlichkeit des Buches überspannt, der Liebe zum Gallert und Tod zu Auffahrt und Erektion macht: "Das einzellartige Darmhafte, die verdauungsnahe Meuchelmordparaphrase."

Es ist Fichtes weitester Aufbruch, sein am besten gelungenes Buch. Was bei der "Palette" noch gelegentlich glitzernd blenden mochte, was bei "Grünspan" wie Etüden klang, das wird hier sehr ernsthaft, sehr bitter, grandios vorgeführt. Gewiß, auch hier stört noch gelegentlich falscher Zungenschlag, auf den "Kollegen Grass" oder das affektierte "Contenu Mental" würde man gern verzichten; doch das Ganze ist ein gelungener Kraftakt: Einübungen zur "Vorzeit" des Menschen, Nachschleifen eines Prägestempels, der eines Tages sagbar macht: "Ich habe sehr früh gewußt, daß meine Mutter eine Abtreibung vorgenommen hatte, weil sie mich nicht haben wollte, und das ging schief, dann kam ich dennoch."