Die Europäische Gemeinschaft ist krank, besonders auf dem Agrarsektor. Herr Schmidt Gellersen, Sie sind Agrarfachmann der SPD und aktiver Landwirt. Sie haben mit Kritik an Brüssel in letzter Zeit nicht gespart. Wie krank ist die grüne EG? Schmidt Gellersen: Für mich gibt es drei Komplexe. Einmal stört der Perfektionismus der EGMarktordnung. Inzwischen sind fast 20 000 Verordnungen erlassen. Alles ist bis ins letzte geregelt. Aber niemand kann eigentlich das System noch übersehen. Die Politik, die in Brüssel gemacht wird, zeigt die Hand der Technokraten. Deshalb muß einmal alles überprüft werden. Zweitens: Ziel des EWG Vertrags war es doch, die unterschiedlichen Agrarrnärkte zu integrieren und dementsprechend zu produzieren. Davon sind wir weiter denn je entfernt. Von Jahr zu Jahr wachsen die Überschüsse in bestimmten Bereichen. Teilweise sind die Maßnahmen der Agrarpolitik sogar gegen das Ziel des Vertrages gerichtet. So haben die Franzosen jetzt für die Sau Halter Prämien eingesetzt, damit mehr Ferkel produziert werden. Dabei haben wir einen Schweineüberschuß, der die Marktpreise so herunterdrückt, daß den Bauern kaum noch etwas bleibt. Drittens: Was der Agrarministerrat in den letzten Jahren entwickelt hat, das ist nur eine reine Addition der nationalen Interessen.

ZEIT: Schuld hat demnach eher der Ministerrat, nicht so sehr die Kommission?

Schmidt Gellersen: Beide sind beteiligt. Wenn wir eine starke Kommission hätten, würde sich der Ministerrat schwerer tun. So aber versucht jeder Minister im Rat für sein Land das beste herauszuholen. Wer dabei die besten Nerven hat, der gewinnt.

ZEIT: Stimmt eigentlich, was deutsche Minister oft sagen, wir seien die Zahlmeister Europas? Schmidt Gellersen: Im Vertrag von Rom sind die Anteile, die die einzelnen Länder zu leisten haben, festgesetzt. Durch den Beitritt dreier neuer Länder hat sich das etwas verschoben. Wir sind natürlich Zahler, sogar der größte, aber nicht der alleinige. England muß zahlen, Belgien, ja sogar Italien. Frankreich, Holland und Dänemark profitieren hingegen. Dänemark bekommt 900 Millionen Mark. Aber man kann nicht sagen, wir seien die Zahlmeister.

ZEIT: Zumal wir ja doch im gewerblichen Bereich selbst ganz schön verdienen .

Schmidt Gellersen: nein, ganz so ist es nicht. Wir sind dem nachgegangen. Frankreich hat genauso viel Nutzen. Daß wir so viel mehr im gewerblichen Bereich profitieren, ist ein Märchen, das uns die Franzosen ständig auftischen. Wir dürfen aber darauf nicht hereinfallen. ZEIT; Aber hat Bonn nicht insgesamt zu der Misere beigetragen?

Schmidt Gellersen: Die Misere liegt eigentlich im Vertrag begründet. Es war ein Unding, die Landwirtschaft speziell und detailliert im Vertrag zu regeln, über alle übrigen Bereiche wie etwa die Verkehrspolitik aber nur globale Aussagen zu machen. Der Anteil der Landwirtschaft am Sozialprodukt ist so klein, daß die einseitige Konzentration der EG Politik auf den Agrarsektor auf die Dauer schiefgehen mußte. Aber auch wir haben natürlich mit schuld.