Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Dichter, Richter, Musiker, Maler

Von Eckart Kleßmann

Alkoholismus, Spuk- und Dämonen glaube sind mit seinem Namen verbunden; eine der populärsten Opern beschäftigt sich mit ihm und seinen Gestalten – und so glaubt ihn jeder zu kennen; aber Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gehört zu den unbekanntesten Dichtern deutscher Sprache.

Freilich nur in seiner Heimat. Außerhalb der deutschen Grenzen – vor allem in Frankreich und Rußland – hatte man seinen Rang längst erkannt, als bei uns noch Friedrich Hebbel („Das meiste von Hoff mann hat sich überlebt“) oder Ricarda Hoch („Wer möchte ihn einen großen Dichter nennen?“) Goethes Verdikt von den „krankhaften Werken jenes leidenden Mannes“ zu bestätigen schienen.

Woher diese Verkennung rührt, ist nicht schwer auszumachen. Hoffmann war Dichter, Komponist, Musikkritiker, Zeichner und Jurist in einer Person. Viele Autoren waren im Brotberuf Juristen; mancher Schriftsteller hat auch komponiert (Bettina von Arnim, Grillparzer, die Droste, Nietzsche); mancher betätigte sich als Maler und Zeichner (Gessner, Goethe, Brentano, Mörile, Carus, Stifter). Aber Hoffmann pflegte diese Begabungen nicht „auch“, sondern immer „zugleich“. Gewiß, man mag feststellen, daß er als Dichter und Kritiker mehr geleistet hat denn als Komponist (sein kompositorisches Schaffen war viel umfangreicher als sein literarisches); daß er als Komponist Bedeutenderes hinterlassen hat denn als Zeichner; daß er als Zeichner origineller war denn als Jurist, obwohl er auch in dieser Tätigkeit mehr als nur gewissenhaft gewesen ist. In der Theorie mag man das alles säuberlich auseinanderpräparieren, aber die Totalität von Leben und verschiedengestaltigem Werk wird dabei zerstört und damit genau das, was das Einmalige an E. T. A. Hoffmann ist.

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (den Vornamen „Wilhelm“ wechselte er aus Verehrung für Mozart später mit „Amadeus“), geboren am 24. 1. 1776 in Königsberg, war der Sohn eines Juristen, Die Eltern trennten sich, als er zwei Jahre alt war. Das Kind wuchs auf in der Obhut der gemütskranken Mutter und eines Onkels (gleichfalls Jurist), dem übertriebene Pedanterie Lebensform war. Hoffmann studierte Jura, machte seine Examina „überall ausnehmend gut“, hatte mit zwanzig Jahren bereits zwei Romane verfaßt (nicht erhalten) und schrieb damals schon seinem Freunde Hippel: ,,Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, sonntags am Tage wird gezeichnet, und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht.“

Die Legende vom heiligen Trinker

Sieben Jahre später fragt er sich in seinem Tagebuch: „Ob ich wohl zum Maler oder zum Musiker geboren wurde?“ Seine Antwort ein Jahr später: zum Musiker. Damlas – 1804 – ist Regierungsrat im noch preußischen Warschau, nachdem man ihn vorher nach Plock strafversetzt hatte, weil er einige Honoratioren mit Karikaturen gekränkt hatte – sein erster, aber nicht letzter Zusammenstoß mit der Obrigkeit.

Der Zusammenbruch Preußens 1807 macht ihn stellungslos. Er wird Musikdirektor des Bamberger Theaters. Die Bamberger Jahre festigen seinen Ruf als Musiker, bald auch als Literat. Seine erste Erzählung „Ritter Gluck“ (1809) ist bereits ein Meisterwerk, und er notiert: „Meine literarische Karriere scheint beginnen zu wollen.“

Die nächsten Stationen sind – 1813/14 – Leipzig und Dresden, wo er auch als Musiker wirkt. Jetzt entstehen sein vielbewundertes Märchen „Der goldne Topf“ und die ersten beiden Bändchen seiner Erzählsammlung „Fantasiestücke in Callots Manier“. Er läßt sie aber anonym publizieren, „indem mein Name nicht anders als durch eine gelungene musikalische Komposition der Welt bekannt werden soll“. Eben die schließt er kurz darauf ab: seine Oper „Undine“.

Sie wird von der Berliner Oper dreizehnmal gegeben (dann brennt das Theater nieder) und ist ein Publikums- wie Kritikererfolg, ein Werk, das Carl Maria von Weber dreimal hört und begeistert rezensiert. Dennoch bestätigt sich Hoffmanns 1814 niedergeschriebene Erkenntnis: „Der innere Poet arbeitet und überflügelt den Criticus und den äußeren Bildner.“

Der Erfolg der „Undine“ hat ihm nicht den Wunsch erfüllt, Theaterkomponist oder Kapellmeister in Berlin zu werden. Im Brotberuf macht er Karriere als preußischer Jurist: Mitarbeiter am Kammergericht, 1816 Kammergerichtsrat, am Ende seines Lebens tätig im Oberappellations-Senat. Seine Erzählungen, Märchen, Romane und Kritiken haben ihn in kurzer Zeit berühmt gemacht. Verleger bedrängen ihn um Beiträge, Besucher kommen nach Berlin, um diesen vielberedeten, vielumraunten Mann zu sehen.

Damals bildet sich die unausrottbare Legende vom exzessiven Alkoholiker, dem beim Zechen zuzusehen die Leute die Weinstube von Lutter und Wegner bevölkern; vom kleinen, grimassierenden Kobold, den man mit seinen Geschöpfen – etwa dem Kapellmeister Kreisler – identifiziert; dem man nachsagt, er werde in seinen nächtlichen Arbeitsstunden von Gespenstern heimgesucht („Gespenster-Hoffmann“).

Hoffmann hat 1821 im vierten Band seiner Erzählsammlung „Die Serapionsbrüder“ darauf Bezug genommen: „Es gibt aber sonst ganz wackre Leute, die so schwerfälliger Natur sind, daß sie den raschen Flug der erregten Einbildungskraft irgendeinem krankhaften Seelenzustande zuschreiben zu müssen glauben, und daher kommt es, daß man von diesem, von jenem Dichter bald sagt, er schriebe nie anders als berauschende Getränke genießend, bald seine fantastischen Werke auf Rechnung überreizter Nerven und daher entstandenen Fiebers setzt. Wer weiß es denn aber nicht, daß jeder auf diese, jene Weise erregter Seelenzustand zwar einen glücklichen genialen Gedanken, nie aber ein in sich gehaltenes, gerundetes Werk erzeugen kann, das eben die größte Besonnenheit erfordert.“

Seine Vorgesetzten loben 1822, „daß der Kammergerichtsrat Hoffmann sich durch vorzüglich gründliche Arbeiten in den allerwichtigsten Kriminal-Sachen eben so sehr als durch Ernst und würdiges Betragen in seinen Amtshandlungen ausgezeichnet hat, auch nicht einmal eine Spur seines komischen Schriftsteller-Talents blicken ließ“.

Das wurde geschrieben, als eben Hoffmanns „komisches Schriftsteller-Talent“ einen ernsthaften Konflikt heraufbeschworen hatte. Der Dichter gehörte seit 1817 der „Immediat-UntersuchungS-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ an, jener Behörde, die alle demokratischen Regungen aufzuspüren und zu vernichten hatte, zwecks „Demagogen-Verfolgung“. Hoffmann hat diese Tätigkeit gehaßt und verflucht. Er, dem seine zeitgenössischen Biographen nachsagten, er habe sich für Politik nie interessiert, hat sein ganzes juristisches Talent darauf verwandt, denunzierte Demokraten freizupauken, was ihm auch fast immer gelang, trotz wachsenden Zorns seines reaktionären Ministeriums.

Schließlich hielt es den angeblich so unpolitischen Dichter nicht länger: Er benutzte seine in der Kommission gemachten Erfahrungen zu einer Satire auf die Berufsschnüffler vom Schlage seiner Vorgesetzten, getarnt als Märchen „Meister Floh“. Aber die von ihm Verhöhnten kamen ihm auf die Spur. Das Manuskript wurde beschlagnahmt und ein Verfahren eingeleitet. Trotz brillanter Rechtfertigungsschrift – sie enthält so etwas wie eine Hoffmannsche Poetik – wäre es ihm wohl übel ergangen, hätte der frühe Tod am 25. 6. 1822 den Dichter nicht seinen Verfolgern entzogen.

Schon 1812 hatte Hoff mann seinem Tagebuch anvertraut: „Bittere Erfahrungen – Anstoßen der poetischen Welt mit der prosaischen.“ Aus diesem Dualismus lebte sein Werk, dies war sein Thema, vor allem in seinen Märchen. Sie siedeln nicht in einem „Es war einmal“, sondern in der erlebten Gegenwart:

„Sonst war es üblich, ja Regel, alles, was nur Märchen hieß, ins Morgenland zu verlegen und dabei die Märchen der Dscheherezade zum Muster zu nehmen. Die Sitten des Morgenlandes nur eben berührend, schuf man sich eine Welt, die haltlos in den Lüften schwebte und vor unsern Augen verschwamm. Deshalb gerieten aber jene Märchen meistens frostig, gleichgültig und vermochten nicht den innern Geist zu entzünden und die Phantasie aufzuregen. Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert in einem fantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben“ („Serapionsbrüder“).

Hoffmann steht aller infantilen Wissenschaftsgläubigkeit spöttisch und skeptisch gegenüber, denn er weiß, daß diese Welt und ihre Ordnung von Kräften bestimmt werden, die sich nicht ermessen lassen. Was ihn so unmittelbar zu unserem Zeitgenossen macht, ist nicht nächtlicher Spuk, sondern die Dämonie des Alltags, die Einbrüche unseres Unbewußten gespenstisch enthüllen. So notiert er 1809 im Tagebuch: Sonderbarer Einfall auf dem Ball vom 6. Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas – alle Gestalten, die sich um mich herumbewegen, sind Ichs, und ich ärgere mich über ihr Tun und Lassen.“ So notiert er für einen Roman am Ende seines. Lebens: „Die Polizei konfisziert die Zeit (nimmt die Turmuhren ab usw.), bedenkt aber nicht, daß sie selbst nur in der Zeit existiert.“

Hoffmanns Werk liegt endlich – nach mehr als 150 Jahren – vollständig vor. Nach vielen gescheiterten Ansätzen hat der so tüchtige wie opferbereite Winkler-Verlag das Oeuvre in zwölf Bänden ediert, wovon Friedrich Schnapp der Löwenanteil zufiel. Schnapp hat fast sein ganzes Leben in den Dienst Hoffmanns gestellt; ohne ihn stünde die Hoffmann-Forschung heute nicht so ansehnlich da. Die Öffentlichkeit hat dies dem jetzt vierundsiebzigjährigen Musikwissenschaftler nie gedankt. Keine Jury ist auf den Gedanken gekommen, das immense Lebenswerk dieses Mannes, von dem ganze Germanistengenerationen zehren werden, öffentlich auszuzeichnen. Dank Schnapps Arbeit besitzen wir erstmals eine wirklich vollständige Hoffmann-Gesamtausgabe. Für diese Edition ist dem Winkler-Verlag zu danken, der das Werk trotz kümmerlichster Absatzzahlen beharrlich zu Ende geführt hat. Was im letzten, jetzt erschienenen Band der Ausgabe – „E. T. A. Hoffmann in Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten“ – zusammengetragen wurde, bietet künftigen Hoffmann-Biographen Material, über das sie bisher in solcher Lückenlosigkeit nicht verfügten.

Demgegenüber sind alle anderen Editionen bedeutungslos, wenn es um Vollständigkeit geht. Die von de Gruyter könnte interessant werden, stünde nicht der Abschlußband mit einem erstmals zusammengestellten Motivregister in den Sternen. Die Ausgabe des Insel Verlags leidet an unzureichender Auswahl: Im Vergleich doch recht schwache Spätwerke Hoffmanns wie „Haimatochare“, „Die Marquise de la Pivardiere“ oder „Der Elementargeist“ sind aufgenommen, während ungleich wichtigere wie „Don Juan“, „Der Magnetiseur“ oder „Die Brautwahl“ fehlen.

Hoffmanns graphisches Werk sammelt ein Reprint, den Friedrich Schnapp nach der ersten Edition Hans von Müllers (1925) korrigiert und neu herausgegeben hat. Das Buch ist um so wichtiger, als die Mehrzahl der Hoffmannschen Originale den letzten Krieg nicht überlebt hat.

Vergil in Frauenkleidung

Die wichtigsten Kompositionen des Kapellmeisters Hoffmann will der Verlag B. Schott’s Söhne herausgeben. Von geplanten zwölf Bänden sind bisher drei erschienen, darunter Hoffmanns Meisterwerk „Undine“, deren überragende Qualität Hans Pfitzner erkannt hat.

Wie Hoffmanns bedeutendes musikalisches Oeuvre aussieht, zeigt das Verzeichnis von Gerhard Allroggen. Die nahezu fehlerlose Edition schlüsselt das musikalische Gesamtwerk auf und ist damit für jeden Hoffmann-Freund unentbehrlich. Nachzutragen ist, daß Friedrich Schnapp kürzlich eine Zweitschrift von Hoffmanns „Miserere“ entdeckt hat, dessen Edition irgendwann einmal auch bei Schott erscheinen soll.

Schnapps Sammlung von Hoffmanns poetischen Selbstzeugnissen ist bei Heimeran erschienen. Auch diese Ausgabe bietet für das Verständnis Hoffmanns eine nicht zu unterschätzende Hilfe, etwa auch mit der Übersicht über Hoffmanns Leben und Werk, einer komprimierten Kurzbiographie.

Wie wichtig eine so zuverlässige und ausführliche Übersicht ist, lehrt das mangelhafte Gegenstück von Gabrielle Wittkop-Ménardeau. Die Autorin, die schon 1966 eine fehlerstrotzende Hoffmann-Monographie bei Rowohlt abgeliefert hat, veröffentlicht jetzt im Insel Verlag ein Buch, das man eine Pfuscherei nennen muß. Nicht nur, daß die Autorin offenbar Schwierigkeiten hat, einen Text richtig wiederzugeben – kaum eine Seite ist ohne grobe Fehler. Für das Interpretationsniveau nur ein Beispiel: Ein von Hoffmann gemaltes Bild zeigt den Dichter, in eine Toga gekleidet (als Vergil), mit seinem Freund Marcus. Wittkop-Kommentar: „Auf den ersten Blick scheint das Bild schwer zu entziffern, da Hoffmann darin in Frauenkleidung aufzutreten scheint. Da bis dato kein einziges Dokument, nicht die geringste Anspielung darauf hinweisen, daß Hoffmann homosexuelle Neigungen gehabt hätte und auch von Dr. Marcus nichts dergleichen zu vernehmen ist...“ Ein Buch nicht fürs Bücherregal, sondern für den Reißwolf...

Aus der Fülle der in den letzten Jahren erschienenen Sekundärliteratur sei nur Wulf Segebrechts Studie genannt, die sich mit dem Verhältnis von Hoffmanns Autobiographie zu seinen Dichtungen befaßt.

Hans von Müllers „Gesammelte Aufsätze“ zu Hoffmann gibt es jetzt wieder als Reprint. Müller am Zeuge zu flicken, ist heute in der Hoffmann-Forschung üblich, obwohl die Hoffmann-Philologie von diesem Forscher entscheidend gefördert wurde. Er hat sich oft geirrt, doch bleibt seine Gesamtleistung imponierend.

E. T. A. Hoffmann ein mißverstandener Dichter, ein uns auch heute noch unbegriffener Zeitgenosse, ein unter Klischees verborgener Autor, dessen Komponistenruhm immer noch nicht begriffen wurde? Auf ihn, den viele zu kennen glauben, trifft das Wort des Sigismund aus Hofmannsthals „Turm“ zu: „Gebet Zeugnis, ich war da, wenngleich mich niemand gekannt hat.“