In Itzehoe wurde das Urteil im Ihns-Prozeß gesprochen: lebenslänglich wegen Mord.

In einem der schwärmerischen Liebesbriefe, die die Schenefelder Gemüsehändlersfrau Marion Ihns an ihre dänische Freundin Judy Andersen schrieb, heißt es an einer Stelle: „Du sollst der glücklichste Mensch auf dieser Welt sein.“

Daraus ist nun nichts geworden. Vom Schwurgericht in Itzehoe wurden die beiden jungen Frauen in der vergangenen Woche zu „lebenslänglich“ verurteilt. Das Gericht sah als erwiesen an, daß die Angeklagten bei der Ermordung von Wolfgang Ihns, Marions Mann, weder Anstifter noch Gehilfen waren – „Beteiligungsformen“, die milder beurteilt werden können – sondern daß sie als Mittäter, als Mörderinnen zu gelten haben: Judy Andersen hat den Dänen Denny Pedersen für die Tat gedungen; Marion Ihns hat ihm die Tür geöffnet und das Beil bereit gestellt, mit dem der schlafende Mann erschlagen wurde. Die beiden Frauen bedienten sich zwar des Dänen, aber sie wollten die Tat – wie die Juristen sagen – „als ihre eigene“.

Grotesk ist dabei, daß der Däne in Kopenhagen nur zu sechzehn Jahren verurteilt wurde, die Mädchen aber zu lebenslänglich. Aber auch dafür gibt es eine Erklärung: Mord ist im deutschen Strafgesetzbuch das einzige Verbrechen, bei dem der Richter keinen Ermessenspielraum bei der Strafzumessung hat. Auf Mord steht lebenslänglich.

Und damit basta? Nach den Paragraphen des Strafgesetzes mag das Urteil einwandfrei sein, tiefes Unbehagen kann es so wenig verhindern wie Mitleid. Da werden zwei junge Frauen lebendig begraben – die eine im Alter von 25 Jahren, die andere mit 35. „Lebenslänglich“, sagte Judy Andersen in ihrem letzten Wort, „das bedeutet für mich zu sterben.“

Mitleid auch deswegen, weil ihr Prozeß unter Begleitumständen stattfand, die alles andere als „normal“ waren: Fälle gleichgeschlechtlicher Liebe irritieren nicht nur das Volk, sondern auch seine Richter. Um von vornherein jeden Argwohn auszuschließen, flüchtete sich das Gericht in die totale Öffentlichkeit, ließ Photographen während der Verhandlung ihre Bilder schießen und schloß die Zuhörer auch nicht aus, als die Angeklagten über ihre sexuelle Entwicklung aussagten. Begründet wurde dies mit dem Zeitgeist, für den der „Tatbestand“ der lesbischen Liebe längst nichts Anomales mehr sei.

Wie „normal“ Lesbierinnen in Wirklichkeit wirken, war der Boulevardpresse zu entnehmen: So geil wie bei diesem Prozeß werden BILD und Hamburger Morgenpost, BZ, Der Abend und die Quick so schnell nicht wieder werden. Einen Sommer lang lebten sie vom „Mord-Geheimnis der lesbischen Frauen“ und von „Liebe und Haß der lesbischen Frauen“. Als besondere Trophäe schleppten die Reporter Photos ab, auf denen sie neben Marion Ihns und Judy Andersen posierten und sich dabei mutig vorkamen, denn es handelte sich ja hier um die „Liebe, die ein Mann nie begreift„ (BILD-Schlagzeilen). Die Frauen standen nicht nur wegen Mordes vor Gericht, sondern wegen ihres Verhältnisses auch noch am öffentlichen Pranger.