IBM probt in Europa die Teilung – Seite 1

Von Hermann Bößenecker

Der Computer-Gigant ist dabei, seine Zukunft neu zu programmieren. In sieben europäischen Ländern und in Kanada hat die International Business Machines Corporation Arbeitsgruppen eingesetzt, die erkunden sollen, ob es von Vorteil wäre, an die Stelle der bisherigen einheitlichen IBM-Organisation künftig eine Zweiteilung treten zu lassen – nach dem Motto: "Getrennt marschieren, noch besser schlagen."

Während im Stammland des Konzerns, in den USA, das Justizministerium eine Antitrustklage eingereicht hat mit dem Ziel, den rasch wachsenden Riesen zwangsweise in eine Reihe von untereinander unabhängige Unternehmen zu zerschlagen, ist IBM in Europa bestrebt, seine Konkurrenzfähigkeit durch einen freiwilligen Split noch zu verbessern – allerdings ohne Verzicht auf das gemeinsame Konzerndach.

"Das ist eine hochinteressante Untersuchung", bestätigt Walther A. Bösenberg. Doch der Generaldirektor der IBM Deutschland GmbH, Stuttgart, sieht sich außerstande, bereits jetzt eine verbindliche Erklärung über die künftige Organisationsform der IBM in der Bundesrepublik und in den anderen europäischen Ländern abzugeben. Nicht nur sein angeborener Sinn für Understatement bremst ihn dabei. Es ist offenbar tatsächlich noch einiges in der Schwebe. "Völlig offen ist, ob wir schließlich grünes oder rotes Licht für die Umstrukturierung geben. Solange die Untersuchungen nicht abgeschlossen sind, verhalten wir uns strikt neutral."

Wenn sich auch die Ergebnisse der gegenwärtigen "Gelbphase" noch nicht absehen lassen, die Fragestellung ist doch klar: Empfiehlt es sich, die "Textverarbeitung" (Schreibmaschinen und -automaten, Diktier- und Kopiergeräte) mit der sogenannten "Basisdatenverarbeitung", den Computern der unteren Preisklassen, in einer eigenen Gesellschaft zusammenfassen und von den größeren "Informationssystemen", die das Schwergewicht des Rechnerangebots bilden, abzutrennen?

Die IBM Deutschland hatte am 18. Juli dieses Jahres eine Arbeitsgruppe aus einer Handvoll Experten mit der Aufgabe betraut, dieser Frage detailliert auf den Grund zu gehen. Schon nach einigen Wochen lag ein erster Zwischenbericht vor. Und das Ergebnis war offenbar so positiv, daß bereits am 29. August in das Stuttgarter Handelsregister eine neue Firma unter dem Namen "IBM Deutschland Text- und Datensysteme GmbH" mit dem Mindeststammkapital von 20 000 Mark eingetragen wurde. "Dies geschah nur vorsorglich, um ohne größere zeitliche Verzögerung tätig werden zu können, wenn wir uns tatsächlich für den Split entscheiden", versichert man im Hause IBM. Bösenberg: "Die Firmengründung war nötig, um alle Planstudien durchführen zu können."

In der zweiten Phase der hausinternen Enquete geht es nun darum, die wichtigsten Funktionsgruppen zu analysieren, die von einer Neuorganisation betroffen werden würden. Eine endgültige Entscheidung soll gefällt werden, wenn alle acht Ländergesellschaften, die in die Untersuchung einbezogen werden, eine Empfehlung abgegeben haben. Parallel mit dem deutschen Team tagen solche Ausschüsse in Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, der Schweiz, Großbritannien sowie Kanada, deren Leiter dann ein europäisches Expertengremium bilden. Die Bundesrepublik vertritt darin Manfred P. Wahl, langjähriger Stellvertreter Bösenbergs, gleichzeitig Vice President bei IBM Europe in Paris.

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Auch wenn es sich nicht um "eine Hoppla-Hopp-Studie" (Bösenberg) handelt, kann man damit rechnen, daß das Votum der Länderrepräsentanten nicht lange auf sich warten läßt. Dabei ist denkbar, daß die Teilung nicht gleichzeitig bei allen europäischen IBM-Töchtern herbeigeführt wird. Möglicherweise begnügt man sich sogar vorerst mit "Divisions", so wie auch die Muttergesellschaft in zwölf Unternehmensbereiche aufgegliedert ist.

Wenn sich die Strukturtüftler für den gesellschaftsrechtlichen Split entscheiden, so wird sich dies auch auf die europäische Konzernspitze auswirken. IBM hat in den letzten Jahren bereits eine Neuorganisation der Aktivitäten außerhalb der USA verfügt. Die für die Koordinierung des gesamten Auslandsgeschäfts zuständige IBM World Trade Corp. wurde in zwei operative Holdings aufgeteilt: Die IBM World Trade Europe/Middle East/Africa Corp. und die IBM World Trade America/Far East Corp. (für Asien, Australien, Lateinamerika und Kanada).

An der "IBM Europe" mit der Hauptverwaltung in Paris hängen sieben Bereiche: die Ländergesellschaften in der Bundesrepublik (mit 23 000 Mitarbeitern die größte), Frankreich, Großbritannien und Italien sowie Nord-West-Europa (Skandinavien, Benelux, Irland), Süd-Ost-Europa (Spanien, Portugal, Schweiz, Österreich und die osteuropäischen Länder) und Afrika/Mittelost.

Vom Gesamtumsatz der IBM, der 1973 um 15 Prozent auf 11 Milliarden Dollar geklettert ist, entfallen bereits 32 Prozent auf die Gruppe Europa/Mittelost/Afrika, wobei natürlich Europa selbst den Löwenanteil hält. Horn IBM-Umsatz außerhalb der USA – rund 47 Prozent der Konzernerlöse – treffen somit auf Europa mehr als zwei Drittel. Die Zuwachsraten auf dem europäischen Markt sind nach wie vor merklich größer als in den USA.

Wenn man grünes Licht für die Trennung gibt, werden voraussichtlich in absehbarer Zeit auch in Paris zwei Kopfgesellschaften gebildet: eine für die dominierende "große" Datenverarbeitung und eine für die Textverarbeitung einschließlich der kleineren EDV-Anlagen. Der Geschäftsbericht der IBM-Corporation gibt den Umsatzanteil der Datenverarbeitung – Verkäufe, Mieten und Dienstleistungen – weltweit mit 79 Prozent an. Auf "andere reguläre Produkte und Dienstleistungen" entfallen 18 Prozent. Dabei handelt es sich im wesentlichen um Bürotechnik.

Für Europa und die Bundesrepublik teilt IBM keine exakten Prozentanteile für die wichtigsten Geschäftssparten mit, aber Schätzungen fallen nicht allzu schwer. Vom Umsatz der IBM Deutschland, der 1973 einschließlich der 1,4 Milliarden Mark Lieferungen an ausländische IBM-Gesellschaften nur um knapp zwei Prozent auf 4,4 Milliarden Mark zugenommen hatte, dürften annähernd 15 Prozent der Textverarbeitung zuzurechnen sein.

Die sogenannte "Basisdatenverarbeitung", die aus den vier Modellen des (in Vimercate/Italien produzierten) "System/3" besteht, kommt vermutlich auf eine Quote von gut zehn Prozent des deutschen IBM-Umsatzes. Die neue "IBM Deutschland Text- und Datensysteme GmbH" bekäme also, wenn sie in Aktion treten sollte, einen Umsatz von 1,1 bis 1,3 Milliarden Mark mit auf den Weg. Dabei wird dieser Bereich künftig rascher wachsen als derjenige der mittleren und großen Computer. Die Motive für die geplante Strukturbereinigung liefern bereits die Service-Gesichtspunkte. Eine schlagkräftige, gut gegliederte Außenorganisation für Text- und Basisdatenverarbeitung könnte ebenso wie eine stärker aufeinander abgestimmte Entwicklung dazu beitragen, die Kosten zu senken. Sicherlich gibt auch der stürmische Boom bei Taschenrechnern den Zukunftsplanern der IBM zu denken. Sie müssen zumindest auf längere Sicht mit einer gewissen Konkurrenz durch diese Produkte rechnen.

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Daneben spielen als Motive für die Zusammenfassung von Textverarbeitung und kleinen EDV-Anlagen bei gleichzeitiger Abtrennung von den Großanlagen vor allem technologische Aspekte eine Rolle: Schon heute ist die Textverarbeitung, wie sie IBM als ein "vollständiges Organisationskonzept für alle Bürotätigkeiten" präsentiert, ganz von Elektronik durchsetzt und somit der "kleinen" Datenverarbeitung verwandt, werden die Bausteine einander immer ähnlicher. Die modernen "Magnet-Media-Maschinen" schlagen die Brücke. Zum "System/3" beispielsweise, das seit 1970 auf dem Markt ist.

Diese Produkt-Reihe hat rasch an Boden gewonnen. Von den – nach der Diebold-Statistik – 6828 universellen IBM-Computern (ohne Prozeßrechner), die Mitte des Jahres in der Bundesrepublik installiert waren, vereinten die vier Modelle des "System/3" bereits 2440 Einheiten auf sich. Dem Wert nach ist ihr Anteil am Gesamtbestand natürlich viel geringer (vielleicht knapp zehn Prozent). Mit Monatsmieten zwischen 4000 und 20 000 Mark – entsprechend einem Kaufpreis von 200 000 bis zu einer Million Mark – liegen diese Rechner aber deutlich oberhalb der Preisgrenze der Kleincomputer der sogenannten "Mittleren Datentechnik (MDT), die – ein deutsches Eigengewächs – aus Buchungsautomaten entwickelt worden sind (Fabrikate vor allem Nixdorf, Kienzle, Philips, Triumph-Adler, Anker, Hohner). Diese MDT-Anlagen, die je nach Leistungsklassen heute als "Büro-Computer" ebenso wie als Terminals – Datenaußenstellen für große Computer – verwendet werden, kosten heute überwiegend zwischen 20 000 und 80 000 Mark.

Die Grenzen werden sich jedoch weiter verschieben. Auch wenn IBM vorerst nicht daran zu denken, scheint, in die hart umkämpfte Mittlere Datentechnik vorzustoßen, so könnte sich die Marktstrategie auch einmal ändern. Es wäre nur logisch, die Lücke zwischen der Büroelektronik und dem "System/3" zu schließen.

Auch wenn Bösenberg marktstrategische Motive für die ins Auge gefaßte Abkoppelung der Bürotechnik und der Kleinrechner rundweg verneint, fällt es schwer, diesen Aspekt außer Betracht zu lassen. Der Wettbewerb im Mittelfeld zwischen Büromaschinentechnik und Datenverarbeitung würde gewiß härter werden, wenn sich IBM zu der Teilung entschließt. Die neue Firma würde eine größere Marktdynamik entwickeln und vor allem den Konkurrenten zusetzen, die sich auf dem gleichen Terrain mit ähnlichen Produkten tummeln – in erster Linie der zum amerikanischen Litton-Konzern gehörenden erfolgreichen und ertragsstarken Triumph-Adler-Gruppe.

Triumph-Adler hat 1973 den Gruppenumsatz um 27 Prozent auf 518 Millionen Mark gesteigert, wobei der Export auf zwei Drittel wuchs. Der Anteil der Kleincomputer und Tischrechner wurde bereits auf 33 Prozene hochgetrieben in zwei Jahren soll er am so Prozent klettern. Der Chef der Gruppe, Gerd E. Weers, glaubt, daß die IBM-Pläne für sein Unternehmen das Geschäft nur noch schwieriger machen. "Die IBM ist uns heute schon so überlegen, der Abstand so groß, daß man von einer eigentlichen Konkurrenz gar nicht reden kann." Resigniert fügte er hinzu: "Die können uns gar nicht ernst nehmen. Für uns ist das wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel.