Von Helmut Girardet

Köln

Ein König soll entthront werden. Ein König von zweifelhaften Gnaden: Der seit Jahren bekannte „Altbaukönig“ Günter Kaußen, Diplomkaufmann zu Köln am Rhein und unbestritten der größte Althaus-Besitzer Deutschlands. Tausende von Mietern in Hamburg und Berlin, in Köln und Düsseldorf, in Essen und Kamen werden nun aufatmen, nachdem die Justiz jetzt den ersten großen Schlag gegen das millionenschwere Imperium des verhaßten Wohnungsgrossisten führt. Erstmals sollen Kaußens äußerst dubiose Methoden der Kreditbeschaffung geahndet werden, wodurch das Fundament, auf dem er sein gigantisches Finanzgebäude errichtet hat, sicherlich ins Wanken gerät.

Nach einem fünfjährigen Ermittlungsverfahren, geführt von einer Sonderkommission des Landeskriminalamts Düsseldorf, erhob die Kölner Staatsanwaltschaft Anklage gegen Günter Kaußen wegen „53 selbständiger Handlungen, bei denen unter betrügerischen Voraussetzungen Darlehen von Kreditinstituten erschwindelt wurden“. Mitangeklagt wegen Beihilfe ist der Kölner Architekt Paul Menne (60), der „in Wertgutachten vorsätzlich falsche Angaben zur Täuschung der Kreditinstitute“ gemacht haben soll. (Aktenzeichen: 110 [55 JS 149/69].)

Menne bestreitet nach Auskunft der Staatsanwaltschaft die Vorwürfe, Kaußen selbst hat sich bislang überhaupt noch nicht geäußert. Die Anklage bezieht sich aus „prozeßökonomischen Gründen“ (so Oberstaatsanwalt Dr. Bellinghausen) auf „nur“ 53 Fälle in Köln, Hamburg und Frankfurt in der Zeit von September 1963 bis Dezember 1966. In allen Fällen sollen zwei große Banken getäuscht worden sein, die auf Grund der überhöhten Menne-Gutachten an Kaußen Darlehen ausgegeben haben, die sie sonst nicht gegeben hätten. Der Gesamtschaden bei diesen Bauken und in diesem Zeitraum wird auf 7,3 Millionen Mark beziffert. So ist zum Beispiel Fall Nummer sechs in der umfangreichen Kölner Anklageschrift ein Objekt in der Unnastraße 4 in Hamburg: Das Haus soll von Kaußen 1964 zu einem Kaufpreis von 190 000 Mark erworben worden sein; daraufhin stellte der Architekt Heinrich V. ein viel höheres Gutachten aus, das den Sachwert auf 374 690 Mark und den Ertragswert auf 443 460 Mark beziffert. Die Miete brachte 31 686 Mark im Jahr. Kaußen ließ sich ein Darlehen in Höhe von 240 000 Mark gewähren.

Oberstaatsanwalt Hanns-Heinz Schaefer, Verfasser der 591 Seiten starken Anklageschrift: „Ermittlungen in Sachen Wirtschaftskriminalität nehmen oft längere Zeit in Anspruch.“ Seit 1969 mußten rund 2300 Grundstücke mit Häusern aus der Zeit der Jahrhundertwende, die zwischen 1963 und 1966 in Kaußens Besitz übergingen, besichtigt werden, bevor sich die Fahnder auf 130 Fälle konzentrierten. Hunderte von Verträgen und Wertgutachten wurden gesichtet, 1200 Vernehmungen mußten durchgeführt werden, bis man sich schließlich auf die 53 „dicksten“ Fälle beschränkte. Ob Kaußen auch nach 1966 auf ähnlich krummen Wegen zu Reichtum kam, vermochte Dr. Bellinghausen nicht zu sagen. Daraus, daß Kaußen bislang noch nicht in Haft genommen sei, könne geschlossen werden, daß zumindest derzeit „Wiederholungsgefahr nicht besteht“. Immerhin droht Kaußen, da es sich um „besonders schwere Fälle“ von Betrug handele, eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.

So könnte bald eine in der Bundesrepublik einzigartige Karriere jäh gestoppt werden – nach zehnjährigem, höchst umstrittenem „Wirken“ auf dem freien Wohnungs- und Immobilienmarkt. Im Laufe der Jahre erfand die deutsche Presse phantasievolle Titel für ihn: „Wohnungshai“, „Immobilienlöwe“, „Millionenjongleur“, „Europas heimlichster und zugleich unheimlichster Millionär“, „meistgehaßter Vermieter Deutschlands“, „Wohnungsvermietungshyäne“, „Photoscheues Finanzphantom vom Rhein“. Zum Phantom wurde er in der Tat: Ganze Scharen von Journalisten gingen geradezu auf die Jagd nach ihm und legten sich vor seinen beiden sechsstöckigen Verwaltungsbauten in der Kölner St.-Apern-Straße auf die Lauer (inzwischen ist er in ein kleineres Haus in der Neußer Straße umgezogen). Gesehen oder interviewt, gar photographiert hat ihn fast keiner.