Von Werner Vordtriede

So fängt das Gedicht „Madame Lazarus“ an: „Ich habe es wieder gekonnt, / Einmal jedes Jahrzehnt bring ich es fertig –.“

„Es“ ist ein Selbstmordversuch, ihr dritter. Aus ihrem vierten, Anfang 1963, wurde sie nicht mehr gerettet. Damals war sie dreißig.

Sylvia Plath war Amerikanerin, von beiden Eltern her deutscher Abkunft, eine Art Wunderkind, das schon als Studentin eine fast berühmte Dichterin war. Dann brach die sich selbst zu höchstem Erfolg Anspornende im erfolgfordernden Amerika in der Erkenntnis völliger Vereinzelung zusammen und beschloß, sich umzubringen, mit neunzehn. Aus dieser Erfahrung entstand ihr einziger Roman, „Die Glasglocke“, 1968 als Band 208 der Bibliothek Suhrkamp in Frankfurt erschienen.

Aber schon mit neun, als ihr Vater starb, hatte sie das erstemal sterben wollen. Sie ging nach England, heiratete den Dichter Ted Hughes, gebar ihm zwei Kinder, lebte in einem rosenumwucherten alten Haus in Devon, wo sie Bienenzucht betrieb und schrieb. Anfangs etwas im Schatten ihres Mannes. Dann, nach einem Versuch, ihr Auto in den Tod zu steuern („Madame Lazarus“), brach sie aus der Idylle aus, verließ den Mann, nahm die Kinder mit, fand in London (es schien ihr wie eine Verheißung) eine Wohnung, in der Yeats gelebt hatte. Zwischen 1961 und 1963 schrieb sie, von täglichen Pflichten gedrängt, vor Tag um vier Uhr morgens, diese Gedichte, die als nachgelassenes Werk, ihren Kindern gewidmet, erscheinen (sie war eine leidenschaftliche Reiterin, Ariel war der Name ihres Pferdes) –

Sylvia Plath: „Ariel“, Gedichte, englisch und deutsch, aus dem Englischen von Erich Fried; BS 380, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 176 S., 10,80 DM.

Diese außerordentlichen Gedichte sprechen von einer dauernden Bedrohung, aber ohne Hysterie, ohne Selbstmitleid und ohne Anspruch auf Mitleid. An diesen sehr intensiven Versen sind alle Sinne beteiligt; es entstehen Bilder, die sich auseinander entwickeln, visionär, aber ohne Ekstase, haargenau. Reime und Halbreime tauchen auf und sind rhythmusbestimmend. Zuweilen verwendet Sylvia Plath Wortfiguren aus der Umgangssprache, voll schrecklichem Witz, nicht banal.