ZDF, Freitag, 25. Oktober: "Zerfall einer Großfamilie" von Horst Pillau

So ähnlich kannte man sie ja schon aus Illustrierten und vom Hörensagen: die Großfamilie, auf dem Fußboden hockend, ausgelassene Feste feiernd, sich liebend kreuz und quer, Probleme "ausdiskutierend", Mao, Marx und "Frankfurter Rundschau" lesend. In der Küche: schmutzverkrustete Berge von Geschirr, an der Wand: Che Guevara, in den Köpfen: linke Sprechblasensprüche zur repressiven bürgerlichen Scheiße.

Obwohl Horst Pillau diese inzwischen etwas verstaubte Kulisse ein bißchen aufgepopt und davor zehn nach Herkunft und Beruf verschiedene Wohngemeinschaftsmitglieder aufgebaut hatte, kam sein Fernsehspiel nie hinaus über das einschlägige Genrebild einer Kommune. Denn ebenso kulissenhaft wie das innenarchitektonische Milieu blieben auch die Personen, die wie Steckbriefe wirkten. Ein verträumter Jüngling, Buchhändler in einem Laden für proletarische Literatur, hatte den Linken vom Dienst zu mimen, hatte, wo das Weib von ihm beschlafen sein wollte, erst nach einer Diskussion über Sexualität im Kapitalismus zu verlangen; ein Arbeiter, Setzer seines Zeichens, stellte seinen klobigen Typus schweigend aus – Symbol des Tatmenschen, der für intellektuelle Flausen wenig Sinn hat; sein Eheweib hatte in stets gutgelauntem Gleichmut, der der Volkstümlichkeit Inge Meysels nachgebildet war, zu gebären und zu arbeiten. Ein Assistenzarzt, adrett gekleidet, anständig frisiert, kein Kind von Traurigkeit ("Warum sollten wir im Krankenhaus streiken? Dazu ist der Beruf viel zu interessant"), ein smarter Diplom-Ingenieur: sie verkörperten das Bürgerliche, an dem die Großfamilie endlich zugrunde gehen mußte.

Wer aus welchen Motiven, mit welcher Lebensvorgeschichte, mit welchen Erwartungen sich auf diese immerhin ja nicht selbstverständliche Lebensform eingelassen hat, das ließ der Film im Dunkeln. Und weil diese Vorgeschichte der Großfamilie fehlte, geriet auch ihre Auflösung zur trivialen Posse und zum nur denunziatorischen "Es kam, wie es kommen mußte". Vorsätzlich und ohne jeden inneren Zusammenhang wurden plötzlich Gereiztheit und Mißstimmung in der Wohngemeinschaft produziert. Einer drückte sich um den Küchendienst, ein anderer hinterließ zum Verdruß seines Nachfolgers Haare in der Badewanne, man stritt sich ums Fernsehprogramm, die Telephonrechnung war höher, als sie nach der Strichliste sein dürfte.

Und schon sehnt sich Frau Assistenzarzt nach eigener Klingel und eigenem Namensschild, nach aufgeräumter Küche und auch mal Alleinsein, während der zukünftige Oberarzt schon unterwegs zum Makler ist. Der Diplom-Ingenieur wird nach Telephon- und Badewannentrouble – welche Kohärenz der Handlung – nach Brüssel versetzt. So zerfällt dann die Wohngemeinschaft; und zurück bleibt Uwe, der an sich so sympathische Linke (wenn er doch nur vernünftiger wäre und die Welt so sehen wollte, wie sie ist). Er gründet am Ende eine neue "WG" und erntet dafür das kopfschüttelnde Mitleid des Zuschauers.

Christian Schultz-Gerstein