Von Kolja Kater

Man mag es wenden wie man will – es paßt nicht zusammen. Da klagen die Industrieländer über sinkende Geburtenraten und malen das Gespenst schrumpfender Nationen bedrohlich aus. Über die unterentwickelten Länder aber wälzt sich derweil die Bevölkerungslawine. Da legen Getreidegroßstaaten fast ein Viertel ihrer Anbauflächen brach. Zu gleicher Zeit dämmern die volkreichen armen Völker fatalistisch kommenden Hungerperioden entgegen.

Ähnlich ungereimt nimmt sich auch eine Studie aus, die von der Wirtschaftsforschungsabteilung des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums ausgearbeitet wurde und die US-Landwirtschaftsminister Earl Butz auf der Welthungerkonferenz Anfang nächsten Monats in Rom präsentieren will. Fazit der 300-Seiten-Untersuchung: Es sei alles halb so schlimm, auf absehbare Zeit könnten genug Nahrungsmittel produziert werden, um allen Menschen das Überleben zu garantieren, nur die Frage adäquater Verteilung müsse gelöst werden. Mitte nächsten Jahrzehnts, zu diesem Schluß kommen die Ministeriums-Prognostiker, werde in den entwickelten Ländern ein Nahrungsmittelüberschuß von 51,9 Millionen Tonnen produziert, dem stehe ein Defizit von 47,6 Millionen Tonnen in den unterentwickelten Dritt- und Viertländern gegenüber.

Die zukunftsfrohen Vorhersagen können freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Hunderttausende in Guatemala und Indonesien, in Indien, Bangladesch, in der Sahel-Zone und auf Barbados – um nur einige anzuführen – wenn nicht bereits jetzt, so doch in den nächsten Monaten Hunger leiden werden und an den Folgen der Unterernährung zu sterben drohen.

Zwei Jahrzehnte hatten die Ernährungsexperten stolz auf Erfolge im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung verweisen können. Forcierter Anbau besonders ertragreicher Getreidesorten, verbunden mit massiver Hilfe aus den Überflußländern, hatten, eine mögliche Wende der Nahrungsmisere signalisiert. Doch heute stehen die Zeichen ungünstiger als je zuvor.

Auf dem Weltmarkt schnellten die Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Das Öl – für Bewässerungspumpen dringend benötigt – ist knapp und kaum erschwinglich, so daß die Felder verdorren. Und wo doch noch bewässert werden kann, sind die Böden unzulänglich bereitet, weil viele der ebenfalls auf Rohöl basierenden Düngemittel ebenso knapp und teuer geworden sind wie der Kraftstoff für die Wasserpumpen.

Nicht allein das 600-Millionen-Volk der Inder ist von Hunger bedroht. Wenigstens jeder vierte Erdenbürger hat einige Zeit in jedem Jahr zu wenig zu essen und leidet an den Folgen qualitativ minderer Kost, Für Erwachsene und Jugendliche bedeutet ein zeitweiliger Hunger im allgemeinen ein vorübergehendes Nachlassen seiner Arbeitskraft. Für die Kinder hingegen können Hungerperioden die Zukunftsaussichten auf nahe Null herabmindern.