Von René ürommert

Flensburg ist, wie Rom, auf Hügeln gebaut. Aber die Stadt im Norden der Bundesrepublik, drei „ganze“ Kilometer von der dänischen Grenze entfernt, hat eine völlig andere Beziehung, nein, nicht nur zur Geschichte, zur Kunst und zum Papst (85 Prozent der Bevölkerung sind protestantisch, sechs Prozent katholisch), sondern vor allem schon zum Wasser. Der Tiber in Rom ist vergleichsweise ein Luxusgeschöpf. Flensburg dagegen umlagert, es umklammert seine Förde (Förde – eine tief ins Festland eingreifende, man könnte sagen: aggressive Meeresbucht). Es hat den südlichen Teil der Förde in seiner Frühzeit zum Hafen und damit zu seinem „Nährboden“ gemacht: Früher gab es im Hafengebiet eine Fischersiedlung, jetzt gibt es dort Speicher, Läden, Ruinen und Durchbrüche, Kräne, Schiffbaubetriebe, Handelskontore, Gaststätten, Anker- und Anlegeplätze, und natürlich zahllose Boote und Schiffe verschiedenster Art. Flensburg erlitt während des Krieges 41 Luftangriffe (176 Tote); 2710 Flensburger fielen an der Front.

Wenn man vom ZOB, der mitten in der Stadt liegt, nach Norden geht (nein, nicht ganz wörtlich und schnurstracks, nicht ins Wasser, sondern:) ganz leicht nach Westen ausweichend, so marschiert man am Ufer durch Straßen, deren Namen so bezeichnend sind: Norderhofenden, Schiffbrücke, Werftstraße. Da pulsiert das Leben: ein fast unaufhörlicher Strom von Passanten, Flensburgern (von denen nahezu 30 Prozent Dänen sind) und Auswärtigen, Reisenden zwischen der Bundesrepublik und Dänemark; vor allem: arbeitssame Menschen (in der überwiegenden Mehrzahl) und Müßiggänger (unübersehbar), Radfahrer, Autos, Lastwagen, ein Getümmel. Ängstliche Einheimische empfehlen dem Fremden, sich nachts hier nicht blicken zu lassen, die Gegend überbiete das Hamburger St. Pauli bei weitem, zu leicht könne man überfallen, zusammengeschlagen, ausgeraubt werden.

Fast parallel zu den genannten Uferstraßen ein Straßenzug, der den Kern der Altstadt bildet (Flensburg erhielt 1284 Stadtrecht), vom Südermarkt bis zu dem Nordertor, dem „Wahrzeichen“ Flensburgs, dem einzigen erhaltenen Stadttor im Landesteil Schleswig. Es ist ein reizvoller Staffelgiebelbau, errichtet im Jahre 1596. Den Straßenzug bilden (von Süden nach Norden): Holm, Große Straße, Norderstraße. Fachwerkhäuser sind längst, nach dem Stadtbrand von 1485, Giebelhäusern gewichen, klassizistische und moderne Bauten herrschen heute vor. Der ganze Zug ist eine designierte Einkaufsstraße für Fußgänger, augenblicklich weniger zum flotten Gehen als zum Krabbeln und Stolpern, über Sand- und Steinhaufen, geeignet: eine einzige Aufgrabung (eine Fernheizung wird gelegt).

An keinem alten Bürgerhaus hängen die Einwohner so sehr wie am Hause in der Norderstraße acht, dem „Alt-Flensburger Haus“. Dekuvriert das die Flensburger? Das Gebäude ist stilistisch ein Konglomerat, aber zugleich weicht es Dissonanzen aus. Aus dem 16. Jahrhundert stammt wohl wenigstens der gewölbte Keller. Er ist als Restaurant eingerichtet, für 50 Personen, ein Wirt ist zur Zeit noch nicht „dingfest“ gemacht. Das Restaurant scheint mir zwischen Kellerboden und First das Krisenfesteste am ganzen Haus zu sein. Da könnte es ungemein gemütlich werden, ob bei Grog, Bier, Bommerlunder, Wein oder auch „Kribbelwasser“, gleichviel. Die Fassade des Hauses stammt aus dem 18. Jahrhundert, aus dem Spätbarock, die Möbel kommen aus verschiedenen Häusern, eines davon ist das attraktive, aber meist menschenleere Museum...Alles ein bißchen zusammengestoppelt. Und ein klein wenig „Hautgoût“: ein Hauch Muffigkeit.

Das Haus hat so seine Geschichte. Dort verlebte, mit seinem Bruder Alex, dem Graphiker und Maler, ein Mann seine Jugendzeit, der bald schlicht Luftschiffer, bald Luftschiff-Kommodore genannt wird und in der Geschichte der Luftfahrt unbestreitbar eine große Rolle gespielt hat: der Flensburger Dr. Hugo Eckener (1868 bis 1954).

Einige Seitengassen, von der Norderstraße zum Hafen hinunter, bergen kleine reizvolle Häuschen aus vergangenen Jahrhunderten, die aber (zumeist aus kommerziellen Gründen) heute oder morgen der Spitzhacke zum Opfer fallen werden. Davon eine, die Oluf-Samsons-Gasse: Die Fenster im Parterre der Gebäude en miniature sind gewöhnlich belebt. Dort sitzen, hocken, lehnen oder lagern sich Frauen, die, wie im Film einmal kühn behauptet wurde, das älteste Gewerbe der Welt betreiben.