Frankfurt

Am Tage vor der hessischen Landtagswahl fuhren die CDU-Propagandawagen durch Frankfurt und belehrten über Lautsprecher die Autofahrer, die sich vor den Kreuzungen stauten: "Die Ampeln auf Rot, das bedeutet Stillstand. So ist es auch in Hessen. Deshalb wählen Sie CDU, damit es wieder freie Fahrt gibt." Am Tage nach der Wahl hatte die Union in der Main-Metropole sieben von acht Direktmandaten gewonnen, und, die roten Ampeln waren erloschen. Kuriose Symbolik: Im Steueramt 1 des Polizeipräsidiums hatte ein technischer Defekt die Verkehrsampel im Zentrum der Stadt zum Erlöschen gebracht.

Wer davon betroffen wurde, mußte allerdings feststellen, daß der Mangel an Rotlicht nicht unbedingt reibungslosen und konfliktfreien Verkehr bedeutet. Man kann die Parabel noch weiter ausbauen. Der Verlust ihrer sichersten Position hat die Frankfurter Sozialdemokraten genauso verwirrt wie einen Großstadtautofahrer das plötzliche Ausbleiben der gewohnten, regulierenden Lichtsignale. Stadtbekannte SPD-Namen in bombensicheren Wahlkreisen wären von CDU-Unbekannten überrundet worden. Ob der Frankfurter SPD-Vorsitzende Fred Gebhard oder der DGB’-Landesvorsitzende Armin Clauß – alle blieben auf der Strecke.

Was niemand in diesem Ausmaß für möglich gehalten hatte, war geschehen: Genau vier Stunden nach der Schließung der Wahllokale mußte SPD-Oberbürgermeister Rudi Arndt die traurige Bilanz ziehen, daß das rote Frankfurt am 27. Oktober 1974 schwarz geworden war. Für den Farbenwechsel bot Fred Gebhard eine Erklärung an, die zumindest einen Teil der Ursachenskala abdeckt: "Die Linksradikalen und die Chaoten haben mit ihren Demonstrationen der CDU direkt in die Hände gearbeitet."

Über die Jungsozialisten, die während der letzten Jahre immer wieder für verwirrende Szenen auf Frankfurts politischer Bühne gesorgt hatten, fiel kein böses Wort. Selbst vom rechten Minderheitsflügel der Stadt-SPD kam das Versprechen, es werde keine Juso-Treibjagd stattfinden, um eiskalte Rache für vergangene innerparteiliche Querelen zu nehmen. Und Rudi Arndt bescheinigte den Jungsozialisten, sie hätten einen engagierten Wahlkampf geführt. Aber die Frankfurter SPD habe wohl doch zu spät Einigkeit demonstriert.

Noch kurz bevor in Frankfurt die Stimmen ausgezählt waren, hatte beim Wahlnacht-Geplauder im Wiesbadener Innenministerium der Oberbürgermeister Arndt Stoff für spekulative Halbwahrheiten geboten. Als mit den für die SPD niederschmetternden Hochrechnungen der Stern des Ministerpräsidenten und SPD-Vorsitzenden von Hessen-Süd, Albert Osswald, langsam zu verglühen begann, gab es Vorschläge, den Tatmenschen Rudi Arndt als Nachfolger am hessischen Regierungshimmel aufleuchten zu lassen. Die Gespräche verstummten abrupt, als das Frankfurter Wahlergebnis in die Wiesbadener Zentrale vermeldet wurde. Aus dem möglichen Amtsnachfolger war mit einem Schlag ein Leidensgenosse geworden, ein Mitverlierer.

Und mit jeder Meldung aus den Wahlkreisen potenzierte sich die Niedergeschlagenheit, wuchs die Schicksalsgemeinschaft der Geschlagenen. Ältere Genossen erinnerten sich, daß es einmal Zeiten gab, als in Hessen siegreiche CDU-Direktkandidaten eine so seltene Erscheinung waren wie weiße Raben. Und nun schwebten die Raritäten von gestern in hellen Scharen in den Wiesbadener Landtag ein: von 55 Direktmandaten gingen 35 an die CDU, nur 20 an die SPD. Im Vergleich zu 1970 waren 18 Wahlkreise verloren.