Von Dieter E. Zimmer

Daß die Ungleichheit in der Intelligenz der Menschen wahrscheinlich zu einem größeren Teil genetisch bedingt ist und durch eine Änderung der Umwelt nur zu einem kleineren Teil behoben werden kann, ist eine Erkenntnis, mit der sich auf ihre obersten Verfassungsgrundsätze ("daß alle Menschen gleich geboren sind..." – nicht etwa: mit gleichen Rechten ausgestattet sind) eingeschworene, konservative Amerikaner ebenso unwillig abfinden wie jene, die auf das Reich der Gleichen hin arbeiten.

So schwer die Vorstellung, einzelne Individuen seien von der Natur von vornherein begünstigt, für sie zu verkraften ist: daß möglicherweise ganze Populationen, Rassen zum Beispiel, in der einen oder anderen Hinsicht gehandikapt sein könnten, ist ein noch härterer Brocken – zumal in einem Klima, in dem eine Rasse so gegen ihre faktische Diskriminierung und für ihre Selbstachtung zu kämpfen hat wie heute die Schwarzamerikaner. Wenn die Hypothese zutrifft, daß sie als Gruppe den Weißen in der Intelligenz so unterlegen sind, wie sie ihnen vermutlich in Sport oder Musikalität überlegen sind, würde das nichts anderes bedeuten, als daß in einer IQ-bestimmten, ja den IQ fetischisierenden Kultur wie der westlichen nicht allein äußere Gründe für ihre soziale Retardierung verantwortlich, gemacht werden können. Sie hätten von vornherein einen Konkurrenznachteil, dessen Folgen überhaupt nicht auszudenken sind.

Schon 1965 hatte Lyndon Johnsons stellvertretender Arbeitsminister Daniel Patrick Moynihan in einem Report, welchen die Regierung wegen seiner Brisanz monatelang unter Verschluß hielt, die These vertreten, die Struktur der schwarzen Familie, in der häufiger als in der weißen der Vater fehle und die Mutter dominiere, benachteilige das schwarze Kind von vornherein. Der Jensenismus lieferte eine weitere mögliche endogene Ursache für die Misere der schwarzen Amerikaner.

Daß der durchschnittliche IQ der Schwarzen um eine Standardabweichung, also 15 Punkte niedriger liegt als der der Weißen, kann als Faktum gelten. Ebenfalls klar sind die statistischen Implikationen: Unter den Weißen befinden sich, gemessen an den Maßstäben der amerikanischen Kultur, siebenmal so viele "Hochintelligente" (mit einem IQ über 115) wie bei den Farbigen; unter den Farbigen siebenmal so viele "Schwachsinnige" (mit einem IQ unter 70) wie bei den Weißen. Das Gros beider Bevölkerungen liegt innerhalb des Durchschnitts; eine IQ-Grenze zwischen ihnen gibt es also keineswegs.

Die Frage ist nur, wie sich dieser Unterschied erklärt. Jensen selber meint nicht, daß das vorliegende Material ausreiche, ihn mit voller Sicherheit aus der Erbausstattung abzuleiten. Herrnstein sparte die Negerfrage in seinem "Atlantic"-Essay über den "I.Q." völlig aus: "Um von meinem gegen den Marxismus gerichteten Argument, die Intelligenz sei weitgehend genetisch bedingt, nicht durch aktuelle amerikanische Sorgen abzulenken." In dem Buch, zu dem er seinen Essay ausbaute, stellte er fest, daß die Neger jahrhundertelang unter einem Handikap gelebt hätten, das in seiner Größe und in seinen Folgen bisher nicht ermessen sei, und bekannte sich zu einem agnostischen Standpunkt: "Ein neutraler Kommentator (heutzutage eine Rarität) muß zugeben, daß die Frage bei unserem jetzigen Wissensstand einfach noch nicht geklärt ist."

Am häufigsten beschimpft wurden Jensen und Herrnstein als Rassisten. Rassist aber kann vernünftigerweise nur genannt werden, wer einen Menschen auf Grund seiner Zugehörigkeit zu einer Rasse zu diskriminieren bereit ist. Beide verwahren sich unzweideutig gegen solche Haltung. Sie wollen jeden Menschen auf Grund seiner individuellen Eigenschaften, nicht auf Grund irgendeiner Gruppenzugehörigkeit beurteilt sehen. Das aber bringt Herrnstein auch dazu, sich gegen das in den USA hier und da eingeführte "Quoten"-System zu wenden. Es regelt die Zulassung zum Studium oder zu einzelnen Berufen so, daß jede ethnische Gruppe in einem ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechenden Umfang vertreten sein soll; nicht die individuelle Leistung entscheidet hier allein, sondern die Gruppenzugehörigkeit – was auf eine umgekehrte Diskriminierung (der Begabten) hinauslaufen kann.