Von Klaus-Peter Schmidt

Michel Jobert ist ein Phänomen. Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über den letzten Außenminister Georges Pompidous berichten. Dabei ist er schon ein halbes Jahr ohne Amt, ohne Rückhalt durch eine Partei, ohne festes Programm. Doch der Einzelkämpfer Jobert betreibt mit Fleiß sein politisches Comeback. Aus diesem Grund hat er in 55 Tagen seine Memoiren geschrieben:

Michel Jobert: "Mémoires d’avenir"; Grasset, Paris 1974; 310 S., 38 Francs.

Wer Jobert liest, hört ihn reden, sieht sein maliziöses Lächeln, spürt seinen spöttischen Charme. Der kleine Mann mit der großen Energie tut das, was er im Grunde immer getan hat: Er rechtfertigt sich. Warum er eine politische Bewegung gründen will? Nur weil ihn die Leute dazu drängen. Warum er Minister wurde? Nur weil Pompidou darauf bestand. Warum er von Parteien nichts wissen will? Nur weil er stets ein Nonkonformist war.

Joberts Selbstbeschreibung gerät bisweilen etwas simpel. Schon mit 17, noch im heimatlichen Marokko, stellte er fest, daß ihm nichts an einer Karriere liegt; dennoch besuchte er die ENA, Frankreichs karriereträchtigste Eliteschule. Als Minister "zog ich die Stille dem Eklat vor"; dennoch machte er sich gerade durch seine Washingtoner Gemütsexplosionen einen Namen. Er fordert Frankreichs Befreiung von den "Technikern der Macht"; dennoch war er zwei Jahrzehnte lang der Modellfall eines Technokraten.

Die Franzosen wissen wenig über Joberts Herkunft und über seinen Werdegang. Sie lernen einen Mann kennen, der voller Romantik von Rosenhecken, flötespielenden Hirten und seinen zwölf schwarzen Katzen erzählt; der an seine nordafrikanische Kindheit denkt, wenn er Wildwestfilme sieht; der voll Bewunderung für seine Mutter ist und für Georges Pompidou, seinen zweiten Vater; der sich bescheiden gibt, aber Selbstkritik nicht liebt; der vor allem rundherum mit dem zufrieden ist, was er bisher geleistet hat.

Jobert sieht sich als Politiker wider Willen. Doch seine eigene Bilanz ist ungetrübt: "Ein Mann tat ganz einfach seine Arbeit, für sein Land, mit der Sorge, daß man ihm glaubte, was er sagte. Offensichtlich ist ihm das gelungen." Glaubwürdigkeit ist Joberts oberstes Prinzip. Darauf lassen sich wohl seine Hartnäckigkeit und sein eigensinniger Stolz zurückführen. Das zeigt eine typische Episode aus seiner Ministerzeit: Er, fliegt mit einer "Mystère" nach Moskau und verwehrt in Kopenhagen einer sowjetischen Besatzung, die Lotsendienste übernehmen will, den Zutritt an Bord. Andere französische Minister hatten gegen diese Praxis keine Einwände, anders Jobert: "Ich hielt das für unvereinbar mit dem offiziellen Charakter meiner Reise und für respektlos gegenüber dem Land, das ich repräsentierte."