In der Methode sind Vogel gewiß schwere Fehler unterlaufen: Er hat sich zweifelhafte Mitstreiter ausgesucht und kooperationsbereite Genossen zu Feinden gemacht. In der Sache aber hatte er recht. Es handelte sich nicht um persönliche Querelen. Und um was es politisch ging, hatten die Münchner Jungsozialisten schon 1971 in ihrem Rechenschaftsbericht deutlich genug geschrieben: "In Wirklichkeit ging es bei den Auseinandersetzungen in der Münchner SPD nicht um die Arbeit der Jungsozialisten, sondern um einen tiefgehenden Konflikt in der SPD, wie das Godesberger Programm auszulegen und zu verwirklichen sei."

Die SPD muß sich jetzt über den Kurs und die Kommandostruktur auf dem Parteischiff einig werden, wenn sie nicht an der Klippe der Bundestagswahl 1976 zerschellen will. Zweierlei ist notwendig:

Erstens: Der Kanzler muß aus der Bayern-Wahl lernen, daß er nicht wie Vogel in den Wahlkampf von 1976 ziehen kann: Wählt nicht die häßliche SPD, wählt den tüchtigen Macher und Reformer mit Augenmaß. Der Wähler macht da nicht mit.

Zweitens: Die bisherige Rollenverteilung – hie Partei, hie Regierung – ist für die Wahlchancen ebenso fatal. Willy Brandt muß Abschied nehmen von seinen Wunschvorstellungen, Geburtshelfer eines sozialdemokratischen Europas zu werden. Es geht zunächst um deutsche Probleme, und er muß vor allem der Handlungsgehilfe des Bonner Kanzlers sein. Er muß sein: Partei dazu bringen, Helmut Schmidt entgegenzugehen. Es liegt ja nicht nur am Kanzler, daß er an der SPD vorbei regiert, wie ihm Eppler und Ehmke hinter verschlossenen Türen vorgeworfen haben, auch die Partei macht am Kanzler vorbei Politik – und manchmal sogar gegen ihn. Manche Genossen üben sich in süffisanter Distanz. Sie warten schweigend auf Erfolg oder Mißerfolg – und vielleicht auf ihre Stunde. Sie schlägt dann ganz gewiß, wenn die SPD die Oppositionsbänke erreicht hat.

Der fränkische SPD-Vorsitzende Bruno Friedrich, dessen nordbayerischer Parteibereich größer ist als das Saarland und der in Mittelfranken mit einem Minus von nur 0,1 Prozentpunkten sozialdemokratischer Jahresmeister ist, meint denn auch zur recht: "Eine in sich geschlossene Partei kann eine derzeit so übermächtige Union schon von Anfang an nicht in die Defensive drängen. Wenn die Partei diese Binsenweisheit nicht begreift, wird sie nichts mehr verändern."