Franz Josef Strauß, der Sieger, hat bei politischen Freunden und Gegnern gleichermaßen Furcht und Hoffnung geweckt, wenn auch nicht aus den gleichen Gründen. Seit er seinen wahrhaft triumphalen Wahlerfolg vorzeigen kann, richten sich Sozial- und Freidemokraten in Bonn an der Aussicht auf heftige Machtkämpfe in der Union auf, und ganz Verwegene wünschen sich gar, daß Strauß zum Kanzlerkandidaten der Union gewählt würde. In die Hoffnung, mit Strauß einen veritablen Beelzebub als Gegner im Kandidatenduell von 1976 zu bekommen, mit dem sich düstere Untergangsvisionen ausmalen ließen, mischt sich allerdings die Furcht, daß dieser Mann einen solchen Kampf erfolgreich bestehen könnte.

Auch in der Union, vornehmlich in der CDU, ringen Hoffnung und Furcht miteinander, wobei die Hoffnung auf Strauß im Quadrat der Entfernung zur Parteiführung steigt und die Furcht vor ihm im gleichen Maße abnimmt. Franz Josef Strauß fühlt sich in solchen einander widerstreitenden Erwartungen behaglich. Er unternimmt nichts, die eine oder die andere Mutmaßung zu stützen. Immerzu sind seine Absichten ausdeutbar. Ob Strauß nun lieber in Alaska Ananas züchten als den Kanzlerstuhl besetzen wollte oder ob er die Erfolgsaussichten einer eigenen Kandidatur "für sehr problematisch" ansah – er relativierte seine scheinbar klaren Aussagen jedesmal wieder. Etwa durch Erklärungen der Art: "Die CSU hat durchaus das Recht, nach eins, zwei, drei CDU-Kanzlern auch ihrerseits einen zu stellen." Oder der Bayernkurier gab zu verstehen,, daß Strauß sich einem Ruf nicht entziehen würde.

Nach Franz Josef Strauß rufen zwar viele, aber bisher ist nie jener Ruf ertönt, dem er folgen würde. Und auch nach dem Wahlsieg am Sonntag sieht es nicht so aus, als werde sich daran etwas ändern. Strauß weiß das. Ein Mann von so großer analytischer Fertigkeit kann die Problematik einer eigenen Kandidatur oder gar einer Kanzlerschaft nicht dauerhaft ignorieren, auch wenn er noch so sehr darunter leidet, daß sein Bild verzerrt, daß er zu einem Ersatzteufel gemacht wurde. Und nur ein Scharlatan dürfte auf jene bösen Zeiten hoffen, die einen Kanzlerkandidaten Strauß provozieren.

Über Strauß mag man böse denken – ihn der Scharlatanerie zu bezichtigen, würde sein Wesen verfehlen. Was nicht ausschließt, daß er – ähnlich wie Helmut Schmidt – apokalyptische Schrecknisse fürchtet, aber sich gerade für apokalyptische Zeiten bereithält. Auch viele seiner Gegner trauen ihm zu, ein Krisenkanzler zu sein, vergleichbar mit Winston Churchill, für den er Worte fand, die auch auf ihn selber anwendbar sind: "Was wäre Churchill anderes gewesen als ein unbedeutender Querulant, der durch lästige Kassandrarufe nur die ganze Welt verrückt gemacht hat, wenn ihm nicht Hitler zu weltpolitischem Ruhm verhelfen hätte?"

Die historische Bedingung für einen Kanzler Strauß also fehlt, und er wird, gemessen an geschichtlichen Dimensionen, wohl auch ein "unbedeutender Querulant" bleiben müssen, freilich einer, der auf der engen Szene der Bundesrepublik und der Bundespolitik für Turbulenz sorgt, der ein wohliges Gruselgefühl verbreitet, in und vor den Kulissen agiert und Freunde wie Gegner durch unberechenbare Einlagen schreckt.

Strauß steht seit 1949 in der Bundespolitik – der einzige Politiker, der seit zwanzig Jahren ununterbrochen im Rampenlicht steht. Er hat die Deutschen an seine Vorliebe für Überraschungseffekte gewöhnt. Trotzdem ist er vielen so schwer entschlüsselbar geblieben oder erschließbar wie Herbert Wehner – und manchen auch genauso unheimlich.

Sein Kopf birgt einen ganzen braintrust, aber immer wieder geht die Stimmung, das Gefühl mit ihm durch. Er verströmt menschliche Wärme und bannt damit denselben Willy Brandt, den er vor Tausenden verhöhnen und verletzen kann. Er fachsimpelt zwei Stunden lang in zahlengespickter Rede und bietet ebenso eine zweistündige kabarettreife Vorstellung. Er stichelt mit der Klinge, wirft aber auch einen Amboß, wenn der Hammer nicht ausreicht. Er wirkt wie ein Tatmensch – aber er entzieht sich der direkten Konfrontation. Manchmal verhält er sich wie ein Bub, der mutwillig eine Fensterscheibe eingeworfen hat und dann davonrennt.