François Mauriac und Jean Cocteau schrieben Drehbücher für ihn, Truffaut und Godard verehren ihn als einen der geistigen Väter der "Nouvelle Vague". Er gründete zusammen mit Henri Langlois die "Cinematheque Française". Dennoch hat Georges Franju, als "Poet des Grauens" von Truffaut mit Luis Buñuel und Jean Vigo verglichen, nie die Popularität anderer bedeutender Regisseure des französischen Kinos erreicht. Anders als seine Generationsgefährten Bresson, Becker und Melville ist der 1912 geborene Franju ein "director’s director" geblieben, bewundert von einem kleinen Zirkel jüngerer Regisseure und Kritiker, dem großen Publikum dagegen fast unbekannt.

Das mag nicht zuletzt daran liegen, daß Franjus Filmographie nur acht lange Spielfilme aufweist, von denen "Der Mann ohne Gesicht" immerhin schon der sechste ist, der in der Bundesrepublik den Weg in die Kinos geschafft hat. Franjus Meisterwerk "Les yeux sans visage" (1959) wurde bei uns unter dem Titel "Das Schreckenshaus des Doktor Rasanoff" verhökert, seinen "Judex" (1963) brachte dagegen Kirchners "Neue Filmkunst" heraus. Seine Reputation aber begründete Franju weniger mit seinen seit 1958 entstandenen Spielfilmen als mit einem Zyklus von zwölf kurzen und mittellangen Dokumentarfilmen, der 1949 mit "Le sang des bêtes" begann und 1957 mit "Notre-Dame, Cathedrale de Paris" endete.

Schon "Le sang des bêtes" (Das Blut der Tiere), eine Reportage über den Pariser Schlachthof, zeigt alle Qualitäten Franjus. Hinter der realistischen Oberfläche offenbart sich eine Dimension des Phantastischen, Makabren, Irrealen. Eine vertraute Umgebung erscheint unversehens fremd, geheimnisvoll und gefährlich: ein alltäglicher Alptraum ebenso wie das französische Kriegsmuseum in "Hotel des Invalides" (1951).

Franjus "réalisme fantastique", der den Surrealisten Breton, Eluard und Aragon verpflichtet ist, fand schließlich auch seinen Ausdruck in des Regisseurs Vorliebe für die naiven Serial-Helden des Stummfilmregisseurs Louis Feuillade, dessen Fortsetzungsfilme "Fantomas", "Judex" und "Les Vampires" aus den Jahren 1914 bis 1917 von den unglaublichen Abenteuern schwarzmaskierter Supermänner handelten; die Surrealisten begriffen "Fantomas" und "Judex", diese Ahnen von Mabuse, Superman und Diabolik, als Symbolfiguren einer paranoiden, aus den Fugen geratenen Zeit.

Nach "Judex", einem ebenso elegischen wie eleganten Hommage an die Mythen Feuillades, kehrt Franju jetzt mit "Der Mann ohne Gesicht" zurück in diese Welt der Schatten und Träume, der vermummten Rächer und der einsamen nächtlichen Straßen. Wieder schrieb Jacques Champreux, der Enkel Feuillades, das Drehbuch, aber dennoch haben die beiden Filme kaum etwas miteinander zu tun. "Judex" war ein lyrischer Erinnerungsfilm, eine verklärende Rekonstruktion, deren weicher Ästhetizismus sich eigentlich nie an der Realität stieß.

In "Der Mann ohne Gesicht" haben Franju und Champreux, der auch selbst die Titelfigur spielt, die Handlung in der Gegenwart angesiedelt. Der Mann ohne Gesicht ist ein durch Narben entstellter Superverbrecher, der mit allen Mitteln in den Besitz des sagenhaften Schatzes der Templer gelangen will. Er, die Inkarnation des Bösen, residiert in einem weitläufigen Katakombenreich, umgeben von einem Heer schwarz gewandeter Vasallen und assistiert von einem verrückten Wissenschaftler, der bleiche Homunculi bastelt.

Auf der anderen Seite agieren der Neffe des letzten Templer-Großmeisters, seine Freundin, ein tumb komischer Privatdetektiv, Gert Fröbe als Polizeikommissar, der auch nichts begreift, und schließlich die Mitglieder des Templer-Ordens, der 1307 aufgelöst wurde, hier aber auf wundersame Weise immer noch wirkt.