Von Felix Spies

Die Vorfahren saßen im preußischen Herrenhaus, dirigierten das Auswärtige Amt des Deutschen Reichs, bekämpften zusammen mit Bismarck und Kaiser Wilhelm II. die Sozialdemokraten und diktierten dem besiegten Sowjetrußland 1918 den Frieden von Brest-Litowsk. Doch als in der vergangenen Woche drei Gesellschaften des Familienkonzerns Stumm die Zahlungen einstellen mußten, da war keiner der vielen Nachkommen Herr genug, das Ende des saarländischen Stahl-Trusts zu verkünden: Zwei weithin unbekannte Hamburger Kaufleute waren ins Ruhrgebiet gereist, um an ihrer Statt den Zusammenbruch publik zu machen.

Kein Mitglied des Stumm-Aufsichtsrats, kein Stumm-Manager war dabei, als am vorigen Freitag Hans Weisser (37), geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Handelsfirma Marquard & Bahls, und sein Finanzchef Joachim Brinkmann in Düsseldorf das Ausmaß des Debakels enthüllten.

Im Kongreßzentrum der Rheinisch-Westfälischen Immobilien-Anlagegesellschaft an der Neusser Straße III eröffneten die beiden Hanseaten einer von der Westdeutschen Landesbank in aller Eile herbeigerufenen Journalistenrunde: Der weitverzweigte Stumm-Konzern, der 1973 mit rund 14 000 Beschäftigten 1,7 Milliarden Mark Umsatz erzielte, hat mindestens 240 Millionen Mark Verluste in den Büchern und zudem gegenüber etwa 20 Banken mehr als 300 Millionen Mark Schulden. Weisser zog das Fazit: „Gemeinsam mit den Banken wollten wir den in Schwierigkeiten geratenen Koloß stehen lassen, aber die Verluste waren zu hoch.“

„Die Firma Marquard & Bahls GmbH. & Co., die Stumm AG und die beteiligten Banken“, so hatte deshalb schon am Abend zuvor die Dresdner Bank über den Fernschreiber getickert, „bedauern, daß der gemeinsame Versuch, eine wirtschaftlich gesunde Lösung für die in Schwierigkeiten geratene Stumm-Gruppe zu finden, nicht durchführbar ist.“ Und zehn Zeilen später kam die Gemeinschaftserklärung zum Kern: „Die Stumm AG, die Stumm Handel GmbH und die Deutsche Gerätebau GmbH sind dadurch gezwungen, den gerichtlichen Vergleich anzumelden und die Zahlungen einzustellen.“

Zu der undankbaren Rolle, das Ende eines der ältesten deutschen Montan-Konzerne verkünden zu müssen, waren die beiden hanseatischen Kaufleute eher unversehens gekommen. Denn nicht um zu liquidieren, hatte sich am vorvergangenen Wochenende die Marquard & Bahls an der Essener Stumm AG, der Holding des saarländischen Stahltrusts, engagiert.

Die Handelsfirma, eine von vier Obergesellschaften der Hamburger Mabanaft-Gruppe, wollte vielmehr den seit langem schon mürben Stahlkoloß zum eigenen Vorteil sanieren: Als größter konzernfreier Ölhändler Europas hatte das 50-Firmen-Konglomerat Mabanaft im vergangenen Jahr aus fast vier Milliarden Mark Umsatz so schönen Gewinn gezogen, daß die Inhaberfamilie Weisser meinte, ihren Mineralölhandel mit Teilen des zum Verkauf stehenden Stumm-Konzerns abrunden und mit Industriebeteiligungen aufputzen zu können.