Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer von Deutschland, Österreich oder der Schweiz her in die Bretagne fahren will, lernt schnell die dunkle Kehrseite der stolzen Medaille kennen, deren Motto (in der französischen Variante) lautet: Alle Wege führen nach Paris.

Wer nicht nach Paris will, hat Pech gehabt. Die Bretonen zum Beispiel wollen nicht nach Paris. Aber bis vor kurzem blieb ihnen nicht viel anderes übrig, wenn sie reüssieren, wenn sie einsteigen wollten in den großen Zug, der "Fortschritt" heißt: Zehntausend junge Leute verließen jedes Jahr ihre bretonische Heimat.

Durch die Stadt Vitré, das Tor, fährt man ein in die Bretagne. Diese Region ist 24 000 Quadratkilometer groß und hat zweieinhalb Millionen Einwohner; also etwa so viele wie das nur halb so große Schleswig-Holstein (dem sie sich als europäisches Küstenland verbunden fühlt). Sie umfaßt die vier Regierungsbezirke Ille-et-Vilaine, Côtes du Nord, Morbihan und Finistère (finis terrae: das Ende des Landes; Land’s End heißt die entsprechende Gegend in Cornwall).

Die Hälfte der Bevölkerung wohnt an der Küste. Dort liegen auch zwei der drei Großstädte: Brest (199 000 Einwohner) und Lorient (115 000). Nur die Hauptstadt der Region, Rennes (235 000), liegt im Landesinneren.

Nantes, das historisch zur Bretagne gehört, ist ausgeklammert worden. Dadurch hat der alte Hegemonie-Streit zwischen Rennes und Nantes nun ein Ende. Aber viele Bretonen fühlen sich betrogen. Die Bretagne hat nun auch keinen nennenswerten eigenen Weinbau mehr. Der vortreffliche Muscadet gedeiht auf den Hügeln bei Nantes.

Die Bretagne ist überwiegend katholisch und konservativ. Die mächtigste Interessengruppe sind die Bauern; obwohl die Zahl der aktiv in der Landwirtschaft Tätigen ständig abnimmt: von 800 000 (1921) auf 540 000 (1954) auf 280 000 (1970). Nach der Planung sollen es 1985 nur noch 110 000 sein.