Von Heinz-Josef Herbort

Hamburg ist nicht München, und schon gar nicht Wien. Diskussionen über die Staatsoper greifen an der Elbe weit weniger tief in die Öffentlichkeit als an der Isar oder gar an der Donau, wo lapidare Ereignisse in der Verwaltungsetage zu einer Affäre und eine Intendantenwahl sich zu einer Staatskrise auswachsen. In Hamburg gibt man sich auch in diesem Punkte gelassener.

Anfang August hatte der Intendant der Hamburgischen Staatsoper, August Everding, von seinem Entschluß wissen lassen, er werde spätestens 1978, bei Ablauf seines Hamburger Vertrages, die Nachfolge Günther Rennens als Intendant des Münchner Nationaltheaters antreten. Damals war man hier weniger von dieser Absicht überrascht – denn davon, daß Everding Hamburg nur als Sprungbrett benutzen werde, war bereits hinter vorgehaltener Hand die Rede, kaum daß er berufen war. Die Art war es, die schockierte: wie Everding auf Umwegen seinen derzeitigen Dienstherrn über ein fait accompli informierte und alsbald in die USA entschwand.

Nüchternheit einerseits und Empfindlichkeit andererseits mögen ein bißchen mit der Geschichte des Instituts zu tun haben. Oper war in Hamburg wo sie bald dreihundert Jahre alt wird – nie. luxuriöses Privileg eines fürstlich landesherrlichen Potentaten, sondern stets anspruchsvolles Vergnügen für die Bürgerschaft, Alleiniger Aktionär der "Hamburgischen Staatsoper AG" ist heute die Freie und Hansestadt, Intendantenwahl eine Angelegenheit des Aufsichtsrates. Dem steht zwar der Präses der Kulturbehörde, der Senator für Wissenschaft und Kunst, vor, doch kann der keineswegs ex autoritate jemanden berufen oder gar bestimmen. Er hat nur eine Stimme in einem pluralistischen Zwölfergremium aus Behördenvertretern, Bürgern und Betriebsangehörigen.

Für diese seine Staatsoper nun sucht Hamburg einen neuen Kopf. Bislang sucht es ihn nach hergebrachter Weise, "inhaltlich" wie "formal". Gesucht wird zur Zeit noch der Prinzipal, gesucht wird unter Herren, deren – wie der Senator es so schön formuliert – "Qualifikation wahrscheinlich unbestritten ist".

Qualifiziert in diesem Sinne scheinen bislang die Intendanten Barfuß aus Düsseldorf, Stoltzenberg aus Bremen und Doll aus Stuttgart zu sein, auch die beiden Hamburger Schauspielintendanten Nagel und Gobert, dann die Dirigenten Sawallisch aus München und Dohnanyi aus Frankfurt, der Cellist und Musikhochschuldirektor Siegfried Palm aus Köln, schließlich die Regisseure Kurt Horres aus Wuppertal und Götz Friedrich vom eigenen Hause.

An der Qualifikation der Herren ist gewiß nicht zu zweifeln. Eher allerdings könnte aus der -Reihe der Verbliebenen – denn einige haben inzwischen abgelehnt – dem einen bedeutet werden, wie viel mehr wir uns von ihm als Regisseur denn als mit Regieren beschäftigtem Intendanten erhoffen, dürfte dem anderen zu erklären sein, daß Solokarrieren oder Nachwuchsschulung eine und Staatsopernalltag eine andere Sache ist.