Die Brustkrebsoperation von Betty Ford (56) und Margaretta (Happy) Rockefeller (48) wirkte wie ein Schock: Millionen amerikanischer Frauen tasten seitdem ängstlich ihren eigenen Busen nach verdächtigen Knoten im Gewebe ab und suchen den Gynäkologen so bereitwillig auf wie nie zuvor. Die amerikanische "Cancer Society" meldete eine sprunghafte Zunahme der Check-ups um 300 bis 400 Prozent. Laut Statistik ist Mrs. Fords Krebs einer von 89 000 Fällen, die im Laufe des Jahres 1974 registriert worden sind. Mindestens eine halbe Million Amerikanerinnen leidet in mehr oder weniger fortgeschrittenem Stadium an Brustkrebs. Noch vor Ende dieses Jahres werden 32 500 Amerikanerinnen an Brustkrebs gestorben sein.

Und wie sieht die Situation in der Bundesrepublik aus? Auch hier hat das Mamma-Karzinom der beiden prominenten Frauen seine Wirkung getan. Das kann man schlimm finden oder auch nur menschlich: Ihr Schicksal löste wie bisher keine staatliche Krebsaufklärungsaktion, Sensation und Emotionen aus. Viele Frauen, die jetzt in seine Praxis kommen, berichtete ein Gynäkologe, beziehen sich auf Mrs. Ford. Ihr in aller Öffentlichkeit erlittenes Schicksal führte selbst in der Bundesrepublik dazu, daß Frauen die Scham vor dem Untersuchungsstuhl und die Angst vor der möglichen Wahrheit überwanden und sich zum erstenmal in ihrem Leben zur kostenlosen Krebsvorsorgeuntersuchung aufrafften.

In der Statistik nimmt das Mamma-Karzinom bei den Frauen den ersten Platz unter allen Krebserkrankungen ein (insgesamt gesehen kommen Magen- und Lungenkrebs am häufigsten vor). In der Bundesrepublik sterben annähernd 10 000 Frauen pro Jahr an Brustkrebs. Achtzig Prozent aller Tumore werden erst erkannt, wenn sie sich schon nicht mehr im Anfangsstadium befinden. Von Mitte 1973 bis Mitte 1974 wurden in der Bundesrepublik rund vier Millionen Frauen auf Krebs untersucht. Dabei wurden 3000 Krebsfälle entdeckt, die sofort behandelt werden konnten. In weiteren 220 000 Fällen lag ein krebsverdächtiger Befund vor. Zelluntersuchungen ergaben, daß davon 11 000 Krebserkrankungen im Frühstadium waren. Bei weiteren 50 000 Fällen war ein Verdacht nicht auszuschließen.

Das Ergebnis dieser Untersuchung bestärkte Mildred Scheel, die Frau des Bundespräsidenten, selbst Ärztin, in ihrer Initiative, die Krebsvorsorge in der Bundesrepublik zu verbessern. Auf der Suche nach einer Aufgabe, bei der sie nicht nur als Galionsfigur Dienste tut, sondern eigene Fachkenntnisse und Erfahrungen beisteuern kann, gründete sie Ende September die Deutsche Krebshilfe e. V. Mildred Scheel ist Röntgenologin und hat bis zu ihrer Heirat mit Walter Scheel praktiziert.

"Röntgenologen", sagt sie, "haben die größte Erfahrung bei der Früherkennung und auch bei der Therapie. Zu uns kommen die Patienten zur Bestrahlung." Spezialisiert ist Frau Scheel auf die Mammographie, so heißt die Röntgenuntersuchung der Brust, auf jene kleine Kalkinseln, die die tödliche Gefahr signalisieren.

Frage an Frau Scheel: "Wird von der Möglichkeit der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung genügend Gebrauch gemacht?"

Antwort: "Nein, leider nicht. Allerdings differiert das von einem Bundesland zum anderen und vor allen Dingen bei Männern und bei Frauen. Die letzten Zahlen zeigen aber wenigstens bei Frauen ansteigende Tendenz. Exaktes Zahlenmaterial liegt aus den Jahren 1971 und 1972 vor. Dabei kann man feststellen, daß die berufstätige Frau offenbar am ehesten bereit ist, zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. 1971 machten vom Recht der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung 29,2 Prozent der berufstätigen Frauen Gebrauch. 1972 stieg diese Zahl auf 39,3 Prozent. Die nicht berufstätigen Frauen, die also über die Ehemänner mitversichert sind, nutzten die Möglichkeit zur Vorsorgeuntersuchung zu 26,6 Prozent im Jahre 1971 und zu 33,9 Prozent 1972. Bei Männern sieht die Statistik trüber aus. 1971 nutzten 14 Prozent der Männer die Möglichkeit zur Vorsorgeuntersuchung, 1972 nur noch 13,6 Prozent. Hier also sogar fallende Tendenz."