Der Präsidenten-Partei droht ein Erdrutsch

Von Jürgen Kramer

Washington, im Oktober

Gerald Ford ist weder geborener noch gelernter Wahlkämpfer. In Grand Rapids in Michigan, das ihn 25 Jahre lang unangefochten in den Kongreß schickte, ersparte man ihm den Kampf ums politische Überleben. Am liebsten wäre es ihm wohl gewesen, wenn ihm auch in diesem Herbst die Wahlkämpferpose erspart geblieben wäre. Nicht nur deshalb, weil sie ihm nicht liegt, sondern weil er den Amerikanern bei seiner Amtsübernahme versprochen hatte, alles zu tun, um die Wunden der Nation zu heilen. Und im Wahlkampf werden nun einmal alte Wunden aufgerissen.

Darüber hinaus ist dem amerikanischen Präsidenten nur zu klar, wie wenig er der republikanischen Partei bei den Kongreß wählen am 5. November helfen kann, zumal er mit der Begnadigung Richard Nixons den anfänglich riesigen Vertrauensvorschuß seiner Landsleute frühzeitig verspielt hat. Es ist nicht reizvoll, in einen Wahlkampf zu ziehen, an dessen Ende mit Sicherheit die Niederlage der eigenen Partei steht. An der Grand Old Party haftet nun einmal das Odium der "Watergate-Partei", auch wenn von Watergate in diesem Wahlkampf nicht mehr viel die Rede ist.

Ford will sich jedoch nicht vorwerfen lassen, die Partei links liegen gelassen zu haben, so wie die Republikaner das Nixon vor zwei Jahren vorhielten. Das Risiko für Ford, nach dem 5. November für die Stimmenverluste der Republikaner mitverantwortlich gemacht zu werden, gar als persönlicher Verlierer dazustehen, ist nicht groß. Dazu könnte es allenfalls kommen, wenn die Demokraten in beiden Häusern des Kongresses eine Zweidrittelmehrheit gewännen. Sie zu verhindern, ist das einzige konkrete Wahlkampfziel, auf das sich Ford festgelegt hat.

Gegen legislative Diktatur