In Rabat siegte Leonid Breschnjew über Henry Kissinger – so ließe sich das Resultat der achten arabischen Gipfelkonferenz beschreiben: die Einigung zwischen den beiden Intimfeinden Hussein und Arafat. Es war eine Einigung auf Kosten des Jordanier-Königs.

Hussein mußte sich den Forderungen Arafats fügen: Anerkennung der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) als der einzigen und legitimen Sprecherin der Palästinenser; Billigung eines Staates Palästina im ehemals haschemitischen Westjordanien. Unter dem Druck auch seiner Fürsprecher mußte der isolierte Monarch also auf seine wichtigsten Vorbedingungen für künftige arabisch-israelische Verhandlungen verzichten – daß auch er berechtigt sei, für das Recht der Palästinenser zu streiten, und daß Westjordanien in föderativer Form ein Teil Jordaniens zu, bleiben habe.

Für die Pläne der Palästinenser hatten sich vor allem die Sowjets stark gemacht, die nun mit Arafats Hilfe wieder als Regisseure im Nahost-Spiel aktiv werden wollen. Für separate israelisch-jordanische Verhandlungen über einen Truppenrückzug am Jordan und gegen eine Mitsprache der PLO schon im Frühstadium der israelischjordanischen Kontakte hatte Henry Kissinger bei seiner letzten Erkundungsfahrt in der Krisenregion geworben. Die Sowjets haben ihm, wie es scheint, sein Konzept der "kleinen Schritte" erst einmal verdorben.

Arabisches Papier ist geduldig. Es reißt oft und schnell. Das Hochgefühl der Araber über die neue Solidarität wird kaum lange anhalten. Dafür läßt die Einigung von Rabat allzuviel im Dunkel.

Wie eine gemeinsame jordanisch-palästinensische Delegation bei künftigen Genfer Friedensgesprächen auf die Dauer "funktionieren" soll, vermag sich derzeit noch niemand auszumalen. Ob die Israelis von ihrer intransigenten Haltung abrücken, wonach sie sich mit den PLO-Vertretern nur auf dem "Schlachtfeld" auseinandersetzen können, ist vorerst nicht abzusehen – so lange aber bleibt die Wiederaufnahme der Genfer Konferenz eine Schimäre. Ob Hussein ein von den Israelis befreites Westjordanien tatsächlich Arafat überlassen wird, ob andererseits Arafat sich mit einem Mini-Palästina zufriedengibt und auf die rund 640 000 Palästinenser jordanischer Staatsbürgerschaft in Husseins Rest-Reich verzichtet, steht in den Sternen und nicht in der Resolution der arabischen Gipfelkonferenz.

Rabat hat eine Wende zur Regelung, zur Lösung, zum Frieden nicht gebracht. Noch immer geben die Palästinenser ihren alten Anspruch an das ganze Palästina nicht auf; noch immer behandeln sie Israel als "besetztes Gebiet". Selbst Yassir Arafat müßte wohl um sein Leben fürchten, erkennte er das Existenzrecht des Judenstaates an; das PLO-Lager ist tief gespalten, abgesprungene Terroristen gibt es genug.

Einem Wunder käme, es gleich, fände sich in Jerusalem eine starke,, mutige Regierung, die sich mit den Palästinensern an einen Tisch setzte und eines Tages sogar einen Nachbarstaat Palästina anerkennen wollte. Dazu mag es am Ende kommen. Die Briten haben schließlich auch mit den Mau-Mau-Anhängern in Kenia verhandelt, de Gaullemit den algerischen FLN-Freischärlern, die Portugiesen mit den Frelimo in Moçambique. Auch die Israelis werden, sich eines Tages dazu bequemen müssen, den Arafats die Hand zu reichen. Aber Geschichte, wenn sie sich überhaupt wiederholt, wiederholt sich nie glatt – und nie schnell. Ein langer, mühsamer Entkrampfungsprozeß steht noch bevor, ehe im Nahen Osten Frieden werden kann. Dietrich Strothmann