• Sie befürchten, daß durch Technisierung und Rationalisierung die Zahl der Arbeitsplätze in den nächsten zehn Jahren um 100 000 vermindert wird. Um diese Entwicklung zu bremsen, wollen Sie drastische Arbeitszeitverkürzungen durchsetzen. Sollten nicht auch die Gewerkschaften einen Beitrag leisten, um das Milliardendefizit bei der Bundesbahn abzubauen?

Seibert: Natürlich würden fortschreitende Technisierung und Automatisierung von Betriebsabläufen bei der Eisenbahn zur Vernichtung von Arbeitsplätzen führen. Es gibt Leute, in deren Vorstellung bereits von nur noch 200 000 Eisenbahnern ausgegangen wird, was praktisch auf eine Halbierung des heutigen Personals hinausliefe.

Die gewerkschaftliche Vorstellung, einer langfristig angelegten Vernichtung von Arbeitsplätzen durch weitere Arbeitszeitverkürzung zu begegnen, ist prinzipieller Natur: Sie bedeutet keineswegs, daß von gewerkschaftlicher Seite in den nächsten Jahren auf eine drastische Weise weitere Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt werden sollen.

Die Gewerkschaft der Eisenbahner hat nie bestritten, daß die Eisenbahn mit geeigneten Mitteln versuchen muß, das Ansteigen des Defizits – welches wir als nicht vermeidbar ansehen – besser in Grenzen zu halten.

  • Die Öffentlichkeit sollte sich Ihrer Meinung nach schon an die 30-Stunden-Woche für Eisenbahner gewöhnen. In welchem Zeitraum wollen Sie Ihre Forderung durchsetzen?

Seibert: Ich habe anläßlich der internationalen Arbeitstagung von Eisenbahnergewerkschaften in Frankfurt erklärt, wer die Vorstellung habe, die Eisenbahn statt mit 430 000 nur noch mit 200 000 Beschäftigten zu führen, müsse sich auch an die Forderung gewöhnen, daß parallel in einem darauf zielenden Prozeß die Wochenarbeitszeit auf 35, möglicherweise sogar auf 30 Stunden je Woche verkürzt werden müsse, um Arbeitsplätze zu sichern. Der Zeitraum, innerhalb dessen eine solche Verkürzung in Frage käme, richtet sich nach dem Tempo der möglichen und gewollten Automatisierung. Ich bin nicht der Meinung, daß wir nach Lage der Dinge schon in wenigen Jahren in dieser Hinsicht gravierende Änderung gen zu erwarten haben, sondern vielleicht Mitte oder Ende der achtziger Jahre.

  • Sie sprechen sich außerdem für eine Herabsetzung der Pensionsgrenze in bestimmten Dienstzweigen auf 55 Jahre aus. Können Sie diese Forderung nur stellen, weil sie für Arbeiter und Angestellte weitgehend Unkündbarkeit durchgesetzt haben?