Von Wolfram Siebeck

Unsere Väter hatten es leicht. Sie glaubten an Sprüche wie "in vino veritas", hielten Rüdesheim – nach Berchtesgaden – für Deutschlands schönstes Dorf und sahen in einer Flasche Mosel zur Forelle den Höhepunkt kulinarischer Freuden.

Heute hat man den Forellen ihren Eigengeschmack ebenso weggezüchtet wie den Hühnern, und wer dazu einen Mosel trinkt – oder einen anderen deutschen Wein –, der kann auch gleich Limonade bestellen. Denn wenn im Wein noch Wahrheit ist, dann hat sie wenigstens 30 Gramm unvergorenen Restzucker pro Liter Qualitätswein. (Zum Vergleich: Vor dem letzten Krieg und bis Ende der vierziger Jahre lagen die entsprechenden Durchschnittswerte zwischen 2 und 5 Gramm pro Liter!) Diese Süße, die nach deutschem Weingesetz durchaus erlaubt ist, nennt man im Ausland unverblümt "gepanscht".

Sijß war deutscher Wein schon immer; aber früher bezeichnete man damit nur die unvergleichliche Natursüße der Spät- und Auslesen, deren gleichzeitig großer Anteil von natürlicher Säure ihnen einen ausgeglichenen Charakter gab und sie zu Recht bei den flüssigen Kostbarkeiten einstufte. Abgesehen von diesen Edelweinen aber waren unsere Weine fruchtig und trocken, sie schmeckten noch nach Wein; und eher wurden sie frisch und sauer getrunken, als daß ein Winzer auf die Idee gekommen wäre, seine Erzeugnisse mit Zuckerwasser zu lieblichen, charakterlosen Freizeitgetränken zu verpanschen.

Das aber ist heute die – gesetzlich sanktionierte – Regel, und dem Weinkenner, der seinen Wein zum Essen trinken möchte (wozu süße Spätlesen a priori nicht geeignet sind), ist es fast unmöglich, einen durchgegorenen Wein deutscher Herkunft aufzutreiben.