DIE ZEIT

Durststrecke für Helmut Schmidt

Mit einer für die Koalition beängstigenden Gleichmäßigkeit sind die Landtagswahlen dieses Jahres verlorengegangen. Wie verschieden die Länder auch waren – der Stadtstaat Hamburg, der Flächenstaat Niedersachsen, der hochindustrialisierte Ballungsraum in Hessen, der bayerische Freistaat; ob die Bonner Opposition oder die Bonner Koalition regierte; ob vor dem Kanzlerwechsel oder nachher – die Union hat in jeder Wahl gegenüber dem Bundestagsergebnis viel dazugewonnen: 6 bis 7 Prozent.

Lex Brückmann

In Westberlin ist eine deutsch-deutsche Tragikomödie zu Ende gegangen. Juristen hatten das Stück als reines Trauerspiel inszeniert; nun verhalfen ihm die Politiker mit einem gesetzgeberischen Gewaltakt, der "Lex Brückmann", doch noch zum guten Schluß – so glauben sie jedenfalls.

Lustlos zum Gipfel

Die von Außenminister Sauvagnargues angekündigten und von Staatspräsident Giscard d’Estaing in der vergangenen Woche verdeutlichten Europa-Initiativen Frankreichs sind von den übrigen EG-Mitgliedern mit Zurückhaltung aufgenommen worden.

Nur ein kurzer Schritt

Die Berlin-Politik der DDR ist unverständlich. Erst gab es grundlose und abkommenswidrige Wartezeiten im Berlin-Verkehr; sie wurden mit technischen Unzulänglichkeiten entschuldigt, obwohl ihre Mutwilligkeit, ja Böswilligkeit nicht zu übersehen war.

Zeitspiegel

In Brüssel mehren sich die Spekulationen über eine mögliche Ablösung des Generalsekretärs der Nato, Josef Luns. Der frühere niederländische Außenminister ist seit Beginn der Zypernkrise wegen seiner persönlichen Diplomatie gegenüber Griechenland ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.

Nach der Niederlage: Der Kanzlermacher der SPD

Der Münchner SPD-Vorsitzende, Rudolf Schöfberger, mußte innerhalb von zwei Tagen zwei Niederlagen hinnehmen. Am Sonntag verpaßten die Wähler den Münchner Genossen eine Watschn: Zum erstenmal seit 1946 hat die CSU mit 48,2 Prozentpunkten die Sozialdemokraten in der bayerischen Landeshauptstadt nicht nur deutlich überholt, sondern gleich alle elf Stimmkreise der einstigen SPD-Domäne kassiert.

Worte der Woche

"Es ist ein merkwürdiges Verhalten der Sozialdemokraten und der Freien Demokraten, daß sie in dem Augenblick, wo etwa die Überwindung des Lehrermangels vor der Tür steht, wehklagend an der Wand stehen und das Ergebnis ihrer Politik bejammern, anstatt es als Erfolg darzustellen.

Mehr gerechnet als geredet

Auf den ersten Blick sah es so aus, als sitze hier eine mit sich und der Welt zufriedene Gesellschaft beieinander, um sich nach anstrengenden, aber Erfolg verheißenden Gesprächen noch einmal des beiderseitigen Wohlwollens und guten Willens zu versichern.

NATO-Bündnis: Bricht Portugal aus?

Auf amerikanischen Wunsch ist die für den 7. November in Rom angesetzte Sitzung der Nuklearen Planungsgruppe der Nato-Verteidigungsminister abgesagt worden.

Nach Kissingers Kreml-Besuch: Moskau tritt auf der Stelle

Nach dem aufblühenden Moskauer Frühling des Jahres 1972 ist Rauhreif auf das amerikanisch-russische Verhältnis gefallen. Drei frostige Herbste der internationalen Politik haben die Entfaltung der erstrebten Weltmachtharmonie im Flußbett der alten Rivalitäten erstarren lassen.

Wolfgang Ebert: Genfer Gespräche

Smolsky: Jeff, wenn Sie das Ziel meinen, daß wir ab und zu kleinere Fortschritte erzielen sollten, damit unsere Zentralen nicht ganz die Geduld verlieren – andererseits aber jeden echten Fortschritt durch einen Rückschritt auszubalancieren, damit sie uns nicht zu einer neuen Konferenz in das trostlose Helsinki verbannen, wenn Sie das meinen, sind wir uns völlig einig.

Friedliche Brüder?

In Rabat siegte Leonid Breschnjew über Henry Kissinger – so ließe sich das Resultat der achten arabischen Gipfelkonferenz beschreiben: die Einigung zwischen den beiden Intimfeinden Hussein und Arafat.

Wahlkampf in USA: Ford muß Federn lassen

Gerald Ford ist weder geborener noch gelernter Wahlkämpfer. In Grand Rapids in Michigan, das ihn 25 Jahre lang unangefochten in den Kongreß schickte, ersparte man ihm den Kampf ums politische Überleben.

Reaktion von rechts

Vom Ausgang der Wahlen in Hessen und Bayern wollte es der "Bund Freies Deutschland" (BFD) abhängig machen, ob er sich als Partei konstituieren und den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 2.

Krach mit der Kurie

Quid nunc – was nun?" stöhnte Kardinal Marty, der Erzbischof von Paris, als die römische Bischofssynode nach zwanzig Sitzungen drei von vier Teilen des Schlußdokuments glatt niederstimmte, mit dem sie ihr Fazit dem Papst vorlegen wollte.

Ford trifft Breschnjew

Am 23. November wollen sich der sowjetische Parteichef Breschnjew und der amerikanische Präsident Ford in Wladiwostok treffen.

EG-Gipfel: Giscard lädt ein

Der französische Staatspräsident Giscard d’Estaing hat die Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft für die nächste Monatswende nach Paris eingeladen.

Palästinenser: Hussein gibt nach

Durch überraschende Nachgiebigkeit hat König Hussein von Jordanien die arabische Gipfelkonferenz in Rabat in ihrem wichtigsten Programmpunkt vor dem Scheitern bewahrt.

Wahlsieger Strauß und Dregger

Die Landtagswahlen in Bayern und Hessen haben der Union großen Erfolg gebracht: Die CSU unter Franz Josef Strauß baute ihre absolute Mehrheit über die bisher in Bayern noch nie erreichte 60-Prozent-Marke aus; die hessische CDU unter Alfred Dregger schaffte es, erstmals stärkste Partei in diesem Bundesland zu werden.

Zentrales Problem: Berlin

"Die Entwicklung allseitiger Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik ist eine prinzipielle und langfristige Entscheidung der sowjetischen Politik.

Neuer Anstrich

Im Sportpalast von Vitry erklang die Internationale. Über 1200 Delegierte der französischen KP sangen zum Abschluß des 21. Parteikongresses mit Inbrunst das Lied vom Endkampf.

Keine Revolte der Knirpse

Pastor Martin Schröter von der Schalom-Gemeinde in Dortmund-Scharnhorst hatte sich. mit seiner Kinderpielplatz-Bataille im juristischen Paragraphennetz verheddert.

OB-Wahl in Stuttgart: Rommel-Rummel

In der Reichswehrzeit marschierte er als blutjunger Hauptmann, den Pour-le-Merite auf der Brust, strammen Schrittes durch die Stuttgarter Garnisonsvorstadt Bad Cannstatt.

Mildes Klima

Wenn der Rat von Hannover im November den 43 Jahre alten Baudezernenten von Frankfurt, Hanns Adrian, als Nachfolger von Professor Rudolf Hillebrecht zum neuen Stadtbaurat Hannovers wählt, bestätigt sich die Voraussage etlicher Propheten.

Vor die Tür gesetzt

Die 73 Wähler des 100-Seelen-Fleckens Amtmannsdorf im nördlichsten Zipfel des oberbayerischen Kreises Eichstätt machten reinen Tisch.

Aufs Kreuz gelegt

Am Tage vor der hessischen Landtagswahl fuhren die CDU-Propagandawagen durch Frankfurt und belehrten über Lautsprecher die Autofahrer, die sich vor den Kreuzungen stauten: "Die Ampeln auf Rot, das bedeutet Stillstand.

Ritter oder Rechter?

Von Alfred Dregger, dem Sieger in Hessen, wird man in Zukunft gewiß noch einiges hören. Schon jetzt zählt der hessische CDU-Vorsitzende zu den umstrittensten Figuren auf der politischen Bühne der Bundesrepublik.

Der gute Mann aus Marokko

Michel Jobert ist ein Phänomen. Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über den letzten Außenminister Georges Pompidous berichten.

Die Macht, vor der alle zittern

Hamburg ist nicht München, und schon gar nicht Wien. Diskussionen über die Staatsoper greifen an der Elbe weit weniger tief in die Öffentlichkeit als an der Isar oder gar an der Donau, wo lapidare Ereignisse in der Verwaltungsetage zu einer Affäre und eine Intendantenwahl sich zu einer Staatskrise auswachsen.

Filmtips

"Lebendig begraben" von Roger Corman. "Der Mann ohne Gesicht" von Georges Franju (siehe Seite 24) "The Harder They Come" von Perry Henzell.

Zeitmosaik

Ich halte nichts von einer Literatur der kleinen Schritte, ich halte nichts davon, wenn einer einen Roman schreibt, nur um zu beweisen, daß in einem Betrieb ein Betriebsrat eingestellt werden muß, denn um das zu beweisen, braucht man keinen Roman zu schreiben.

Kunstkalender

Migof, ein lautmalerisches Wort ohne exakte Bedeutung, ist der als Gattungsbegriff zu vergehende Name für die plastischen Figurationen Bernard Schultzes, die, entsprechend ihrer Bezeichnung, auch nur andeutungsweise erklärbar sind – in der Migof-Welt ist alles vieldeutig.

Weniger Aufwand, mehr Service!

Die bisherigen Sparmaßnahmen der ARD finde ich skandalös, weil sie die Qualität und die Substanz des Programms beschneiden: 26 Spiel- und Unterhaltungstermine werden durch Wiederholungen ersetzt, die Rate der Spielfilmwiederholungen wird auf 30 Prozent verdoppelt, am Wochenende fängt das Programm später an und hört früher auf; Jugend-, Kultur-, Service- und Sportsendungen sollen verkürzt, der Hörfunk und die Dritten Fernsehprogramme drastisch reduziert werden.

Das Vexierwort Gleichheit

Daß die Ungleichheit in der Intelligenz der Menschen wahrscheinlich zu einem größeren Teil genetisch bedingt ist und durch eine Änderung der Umwelt nur zu einem kleineren Teil behoben werden kann, ist eine Erkenntnis, mit der sich auf ihre obersten Verfassungsgrundsätze ("daß alle Menschen gleich geboren sind.

Begräbnis eines Traumes?

Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.

Adrette Linke

So ähnlich kannte man sie ja schon aus Illustrierten und vom Hörensagen: die Großfamilie, auf dem Fußboden hockend, ausgelassene Feste feiernd, sich liebend kreuz und quer, Probleme "ausdiskutierend", Mao, Marx und "Frankfurter Rundschau" lesend.

Der Narbige in den Katakomben

François Mauriac und Jean Cocteau schrieben Drehbücher für ihn, Truffaut und Godard verehren ihn als einen der geistigen Väter der "Nouvelle Vague".

Satire, mausetot

Die sechs Wochen, die der "Simplicissimus"-Redakteur Ludwig Thoma wegen fortgesetzter Beleidigung der königlich-bayrischen Sittlichkeitsvereine in Haft verbringen mußte, waren Anlaß und Gelegenheit für seine Komödie "Moral" gewesen: eine Satire gegen die Verlogenheit deutschtümelnder Moralapostel, denen "eine wohl nur eingebildete und phantastisch aufgeputzte Tugendboldigkeit der Germanen als Vorbild" gedient hatte.

Vier Autoren im Gleichschritt

Es sollte anders werden – und blieb doch beim alten. Das vertraute Bild: die Idee vorzüglich – und die Ausführung kläglich. Die Autoren, Frau Magnani und die Herren Engelhardt, Lechleitner und Lindlau, sollten die italienische Krise aus vielerlei Perspektiven schildern.

Künstler im Granitblock des Kollektivs

Die Reprise der sowjetischen "roaring twenties", die mit Chruschtschows Entstalinisierungsversuch auf dem XX. Parteitag ihren Anstoß erhielt, setzt sich auch in Deutschland fort, belebt durch die Studentenrevolte der Jahre 1967/68.

Wutschrei

denn die Autorin, Assistant Professor für Psychologie an der City University of New York und engagierte Women’s-Lib-Streiterin, hatte nicht die Geduld, vielleicht nicht einmal die Absicht, ihr reiches Material zum "Sexismus" in der Psychiatrie zu einer systematisch angelegten Untersuchung zu ordnen, sondern nimmt dieses Material zum Anlaß, ihre Wut und ihre Trauer hinauszuschreien.

Von ZEIT-Mitarbeitern

Hans Peter Bull: "Die Staatsaufgaben nach dem Grundgesetz". Man fragt heute kaum noch, wie die Staatsphilosophie von der Antike bis in unser Jahrhundert, nach "Sinn" und "Zweck" des Staates, sondern nach seinen "Aufgaben" und "Funktionen".

Trieb zum Authentischen

Daß sich so berühmte Bücher wie die "Fragmente" des Novalis oder Nietzsches "Wille zur Macht" unter dem Zugriff der Philologie in bloße "Materialien" – oder Geröllhalden – verwandeln, ist ein offenbar unvermeidlicher Vorgang, den man erfreulich oder betrüblich finden mag, aber jedenfalls hinnehmen muß.

Kritik in Kürze

"Zur Idee der Kritischen Theorie", von Alfred Schmidt. Anders als sein Freund Adorno, der von seinen frühen, fast unzugänglichen Arbeiten sprach, als wären sie selbstverständlich allgemein bestens bekannt, hatte Max Horkheimer eine geradezu skrupulöse Scheu, in einer veränderten gesellschaftlichen Situation von seinen älteren, während der Nazizeit entstandenen Aufsätzen ohne den nachdrücklichen Hinweis auf die Veränderung zu reden.

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