Immer wenn die zwei Polizisten in dem Film "Spur der Gewalt" einen Verbrecher gefaßt haben, ruft jemand ihren Chef an, druckst der herum – und der Verbrecher wird wieder freigelassen. Als sie am Ende den Boss der Unterwelt vor der Pistole haben, schüttelt der sich vor Lachen: Er bekomme vielleicht ein Jahr auf Bewährung, aber sie seien schon jetzt sichere Leichen. Resigniert quittieren sie den Dienst.

"Spur der Gewalt" war einer der letzten amerikanischen Polizeifilme, die immer häufiger auf das Fazit hinausliefen: Polizei und Justiz zappeln hilflos in einem Geflecht unsinniger Gesetze und Verordnungen, sind apathisch und ohnmächtig gegenüber dem organisierten Verbrechen, das bis in die Regierung reicht, sind ihrerseits von Korruption zerfressen, nur der mutige Alleingang jenseits der Legalität kann noch Recht und Ordnung garantieren. Am Ende fielen diese martialischen Einzelkämpfer ihrem Privatkrieg zum Opfer oder hatten die Wahl, zu passen, sich auch kaufen zu lassen oder mit den Mitteln der Verbrecher weiterzukämpfen.

Denn der Zweck heiligt die Mittel. In einer neuen Gruppe von Filmen, die jetzt bei uns laufen, werden die Amerikaner mit zynischer Demagogie zu Faustrecht und Lynchjustiz ermuntert. Die Helden sind Kriegsveteranen oder Ex-Sheriffs, sind alle keine großen Denker, aber moralisch aufgewertet durch ihre Friedfertigkeit, ihre liberale Haltung gegen rassische Minderheiten oder Unterprivilegierte und durch die wahrhaft diabolischen Widerlinge, gegen die sie kämpfen.

Idyllisch und sentimental beginnen die Filme, den Identifikationsfiguren fliegen die Emotionen der Zuschauer zu. Dann trifft sie das Verbrechen, werden sie zusammengeschlagen, zu Unrecht eingelocht, ihre Frauen getötet. Weil die Polizei unfähig ist, ihm zu helfen, nimmt der wackere Amerikaner nun die Rache selber in die Hand und schreitet zur mörderischen Selbstjustiz: Er organisiert einen Feldzug gegen die Dealer von Harlem ("Jagd auf linke Brüder"), erledigt eine Bande, die ihn an der Melonenernte hinderte ("Das Gesetz bin ich"), läßt sich für die Vernichtung eines Syndikats zum Sheriff machen, um dann keulenschwingend "den Schweinestall auszumisten" ("Der Große aus dem Dunkeln"); er läßt seinen Sheriff-Stern fallen, um ungehindert die Mörder seiner Familie niedermetzeln zu können ("Bis zum letzten Atemzug").

Unverfroren beuten die deutschen Titel die fatale Tendenz dieses barbarischen "Vigilantismus" aus. Diesen Freitag läuft im Großstart "Ein Mann sieht rot" mit Charles Bronson an: Einem Architekten wird die Frau ermordet, die Tochter vergewaltigt. In Arizona lernt er alte amerikanische Traditionen kennen: "Bei uns ist ein Mann noch ein Mann, hier hat jeder eine Pistole in der Tasche... Bei uns können Sie noch nachts in Straßen und Parks spazierengehen ..." In New York zurück, geht er nachts in Straßen und Parks, wird prompt an jeder Ecke bedroht und knallt drauflos. Die Rate der Straßenverbrechen sinkt rapide, die Polizei läßt den "Rächer" ziehen.

Bronson ist der umjubelte Held: seiner Mitbürger im Film, der Zuschauer in den amerikanischen Kinos, eines Teils der Presse. Er und die übrigen zivilen Killer propagieren nicht Selbstverteidigung, sondern die Exekution; sie suchen bewußt ihre Opfer und morden oft mit sichtlichem Gefallen, oft wie im Blutrausch.

Ist das gefährlich, faschistoid und, wie viele gefordert haben, zu verbieten? Die Filme sind alle zu dumm und zu grobschlächtig, um übermäßig ernstgenommen zu werden; um dem Anspruch zu genügen, sie reflektierten Watergate und das gebrochene Selbstvertrauen der Amerikaner im Kino. Wolf Donner