Von Claus Beissner

Die 18. Weltmeisterschaften im Kunstturnen in Varna bestätigten die Sowjetunion und Japan als die erfolgreichsten Verbände der Welt. Die russischen Frauen und Männer gewannen sechs Goldmedaillen, die japanischen Athleten waren an der bulgarischen Schwarzmeerküste fünfmal erfolgreich. Die ganz große Überraschung dieser Titelkämpfe war der Vorstoß des 23jährigen Mainzer Studenten Eberhard Gienger in die Weltspitze am Rede. Der Europameister in dieser Disziplin profitierte dabei von den Fehlern der favorisierten Konkurrenz und blieb allein ohne groben Patzer.

Damit verbesserte Gienger die ohnehin recht ansehnliche Bilanz des Deutschen Turner-Bundes, der im Mannschaftskampf der Männer einen fünften und bei den Frauen einen achten Rang belegte, Plazierungen, die gute Ausgangspositionen für die Olympiade in Montreal bieten.

Diesen Weltmeisterschaften in Varna war ein unwürdiges Vorspiel vorausgegangen, aus dem unschwer die tiefen Risse innerhalb des Internationalen Turner-Bundes abzulesen waren. Weil sich die bulgarische Regierung weigerte, südafrikanische Turner zu diesen Titelkämpfen zuzulassen und ihnen die Visa verweigerte, hatte der Internationale Turner-Bund den Bulgaren die Weltmeisterschaften entzogen und kurzfristig nach München vergeben. Auf einem außerordentlichen Kongreß des ITB in Montreux setzte der organisierte Ostblock die Aufhebung dieser Entscheidung durch.

Arthur Gander, ein knorriger Schweizer und Präsident des Internationalen Turner-Bundes, fühlte sich getäuscht, weil offensichtlich auch einige westliche Verbände im Strom des sozialistischen Stimmblocks mitgeschwommen waren und gegen München votiert hatten. Doch Beweise bekam Gander bis zum heutigen Tag nicht in die Hand.

Bei den Weltmeisterschaften in Varna bestätigte sich Juri Titow, der Generalsekretär des sowjetischen Turn-Verbandes und frühere Weltklasseturner, als Riegenführer der sozialistischen Turnverbände.

Eingeweihte wollen wissen, daß Titow die Kampfrichter dieser Länder vor den Wettkämpfen auf ihre Solidarität gegenüber dem sozialistischen Turnlager verpflichtet habe. Diese Maßnahme richtete sich eindeutig gegen die japanischen Turner, einbezogen waren aber auch die Verbände der USA und der Bundesrepublik Deutschland.