Bei Kent mußte sich Anthony Wedgwood Benn den Arbeitern beugen

Die Labour-Party "will industrielle Demokratie im privaten und öffentlichen Sektor ausdehnen" und zu diesem Zweck "das Gesellschaftsrecht und die Satzungen der staatlichen Industrien und öffentlichen Dienstleistungsbetriebe gründlich ändern". Die Labour-Regierung scheint es jedoch damit nicht sonderlich eilig zu haben.

Der Druck von außen ist auch nicht sonderlich groß. Auf dem letzten Gewerkschaftskongreß kam es zum erstenmal zu einer längeren Erörterung. Die Delegierten verabschiedeten ein Papier, das die paritätische Mitbestimmung fordert. Eine begleitende Resolution enthielt aber zugleich eine Reihe von Einschränkungen. Papier und Debatte hinterließen nicht den Eindruck, daß die Gewerkschaften das Thema für brennend aktuell halten. Inzwischen ist die Diskussion wieder abgeflaut. Die Arbeitgeber haben nichts dagegen.

Geht man in Großbritannien das Thema Mitbestimmung an, dann tut man dies auf besondere britische Art, wie der Vorgang um. die Firma George Kent zeigt, die sich von zwei großen Konzernen umworben sah.

Kent, ein Unternehmen der Meß- und Regeltechnik und Hersteller von medizinischen und wissenschaftlichen Instrumenten, war in die Verlustzone geraten. Nun wurde dringend ein kapitalkräftiger Partner gesucht, der Zugang zu neuen Märkten verschaffen konnte. Der Kent-Vorstand glaubte schon, ihn im Schweizer Elektro-Konzern Brown Boveri (BBC) gefunden zu haben, als überraschend der britische Elektrokonzern General Electric Company (GEC) ein Übernahmeangebot an die Kent-Aktionäre machte. GEC hatte die Unterstützung – manche glauben: auch die Ermunterung – der Regierung, die 24 Prozent des Kent-Kapitals besitzt und die Kontrolle über Kent nicht in ausländische Hände gehen lassen wollte. Die Regierung wollte sogar zusätzliches Geld für eine von GEC geführte Sanierung lockermachen.

Industrieminister Tony Benn, der den Regierungsanteil der Kent-Aktien verwaltet, sah sich aber sehr schnell in einer verzwickten Situation. Nicht nur der Kent-Vorstand wiederholte seine Vorliebe für die Schweizer Lösung, auch die Beschäftigten hielten nichts von der britischen Lösung. Sie befürchteten, daß GEC nach der Übernahme Arbeitsplätze "wegrationalisieren" würde. Denn GEC-Chef Sir Arnold Weinstock gilt als der große Rationalisierer der britischen Elektroindustrie.

Benn, der noch vor wenigen Wochen im Wahlkampf größere Mitsprache der Arbeiter bei Management-Entscheidungen gefordert hatte, regte eine Konsultation der Belegschaft an. Der Vorstand ging darauf ein und erkundete die Meinung der über 7000 Arbeitnehmer zu den ihre Zukunft berührenden Vorschlägen. "Konsultation in diesem Umfang und unter solchen Umständen ist fast einmalig in der britischen Industrie und stellt einen neuartigen Anlauf zum Konzept der Mitbestimmung dar", beschrieb eine Vorstandserklärung umständlich die Aktion.