Dortmund

Pastor Martin Schröter von der Schalom-Gemeinde in Dortmund-Scharnhorst hatte sich. mit seiner Kinderpielplatz-Bataille im juristischen Paragraphennetz verheddert. Aufgebrachte Bürger hatten gegen ihn Strafanzeige wegen Anstiftung zum Landfriedensbruch und zur Aufwiegelung Minderjähriger erstattet. Jetzt sieht Pastor Schröter einen Silberstreif am Horizont. Das Oberlandesgericht Hamm, das die Revision des streitbaren Kirchenmannes zu prüfen hatte, hob das gegen ihn ergangene Urteil wegen formeller und sachlicher Fehler auf und verwies den Fall zurück an das Dortmunder Landgericht.

Der seit Jahren um seine Rehabilitation kämpfende Rebellenpfarrer, der in der Berufungsverhandlung zu einer Geldstrafe von 700 Mark verurteilt worden war, hofft, daß er vor einer neuen Strafkammer endgültig seine Spielplatz-Schlacht gewinnt. Schröter: "Ich will auf jeden Fall einen Freispruch erzielen, denn nach dem Wirbel, den der ganze Fall entfacht hat, kann ich jetzt nicht klein beigeben." Der Wirbel um den Dortmunder Friedensprediger hat inzwischen bereits Eingang in ein Schulbuch gefunden, wo ein Kapitel solchen Fällen gewidmet ist, die "provokative Werbung für einen guten Zweck zum Inhalt haben".

Einem guten Zweck sollte die Schröter-Provokation dienen. In dem Gemeindebrief "TPZ" (Termine, Pläne, Zwischenrufe) hatte der Scharnhorster Friedensprediger ein in der ZEIT (23/71, siehe Kasten) formuliertes Manifest, allerdings ohne Ursprungsvermerke und ohne den Hinweis "Achtung Satire" nachgedruckt. In 1400 TPZ-Exemplaren war schwarz auf weißnachzulesen, was manche Amtsbrüder und Eltern rot sehen ließ und noch immer die Justiz beschäftigt: "Kinder, rottet euch zusammen! Schreit und lärmt! Verschmutzt Eingänge, Wege und Garagentore! Spielt und tobt zwischen den Anlagen!" Obwohl der "Aufstand der Kinder" ausblieb, kein Siedlungsknirps auf die Barrikaden ging, sahen es Staatsanwälte und Richter in der Vergangenheit als erwiesen an, daß deutlicher und unmißverständlicher eine Aufforderung zur Begehung von Straftaten nicht formuliert werden könne.

Dem Kinderfreund im Talar ging es jedoch in erster Linie darum, auf Mißstände aufmerksam zu machen. Dies beteuerte er vor den Schranken des Gerichts immer wieder. In dem von der ZEIT publizierten Kindermanifest habe er die Möglichkeit gesehen, einen Denkanstoß zu geben, "um die trostlosen Spielplatzbedingungen anzuprangern". Der Verkünder christlichen Gedankenguts ließ Zahlen sprechen: Nur für jedes dreißigste Kind gebe es in seinem Sprengel einen Platz im Kindergarten, und die kümmerlichen 0,6 Hektar Spielplatzflächen seien mit dem üblichen "orthopädischen Gestänge" ausgerüstet. Demgegenüber hätten die Autoparker fünf Hektar Fläche.

Daß hier eine Hektar-Diskrepanz vorliegt, leuchtete Staatsanwälten und Richtern ein. Aber bei der Exegese des Manifestes schieden sich die Geister. Die juristischen und theologischen Denkschulen ließen sich nicht auf einen Nenner bringen. Schröter mußte sich sagen lassen, daß vielleicht Akademiker, nicht aber Leute vom Schlage eines "Kumpel Anton" das persiflierende Element des provokatorischen Beitrages hätten erkennen können. Zum Beweis des Gegenteils präsentierte Schröter eine Umfrage, die unter Schulkindern vorgenommen wurde. Tenor der Antworten: "Wenn wir das wörtlich genommen hätten, wäre sofort die Polizei gekommen und die Erwachsenen hätten uns für verrückt erklärt." Trotzdem wollte die Anklagevertretung bislang eine gewisse Kausalität zwischen dem Schröter-Aufruf und den in dem Ortsteil Scharnhorst aufgetretenen Fällen gewahrt sehen.

Doch gerade in diesem Punkt stärkte das Hammer Oberlandesgericht dem rebellierenden Friedenprediger den Rücken. Es schloß sich den Argumenten des Verteidigers Ingo Klinkhardt an und befand: "Die allgemeine Lebenserfahrung, daß Großziehen eigener Kinder und die Tätigkeit eines Richters in der Jugenderziehung führen nicht notwendig zu einer sicheren psychologischen Kenntnis darüber, wie ein Kind auf eine schriftliche, ironisch gehaltene Aufforderung in einem Flugblatt reagiert." Der Hammer Strafsenat rügte vor allem, daß die Dortmunder Vorinstanz einen von der Verteidigung beantragten Diplom-Pädagogen nicht anhören wollte, weil sie sich selbst "hinreichende Lebensreife und Lebenserfahrung" attestierte, um "Psyche und Mentalität von Kindern" beurteilen zu können.