Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Quid nunc – was nun?" stöhnte Kardinal Marty, der Erzbischof von Paris, als die römische Bischofssynode nach zwanzig Sitzungen drei von vier Teilen des Schlußdokuments glatt niederstimmte, mit dem sie ihr Fazit dem Papst vorlegen wollte. Das Dokument, das die Evangelisierung, ihre Krise und die Möglichkeiten ihrer Überwindung behandelte, war auch nach dem Urteil des deutschen Episkopatsvorsitzenden, Kardinal Döpfner, so "blutleer, unausgeglichen und unbefriedigend", daß sich die meisten Bischöfe "darin nicht wiedererkannten". Es war von dem Kurien-Theologen Grasso ("unter Zuziehung" eines zweiten, von einem indischen Theologen stammenden Entwurfs) so nichtssagend verfaßt worden, daß die tiefen Meinungsdifferenzen und Situationsunterschiede, die in der katholischen Weltkirche zutage getreten waren, glattgebügelt erschienen.

War also diese Bischofssynode gescheitert? War sie gar gegen die Autorität der päpstlichen Kurie aufgestanden? Oder war es einfach ein unmögliches Unterfangen gewesen, die Vielfalt der Ansichten auf einen Nenner zu bringen? "Ich gehe ungern mit leeren Händen nach Hause", sagte Kardinal Marty, während sein Warschauer Amtsbruder Wyszynski meinte, die Synode habe durchaus "heroische Arbeit" geleistet und sei keineswegs – wie etwa ein Konzil – gezwungen, Beschlüsse zu fassen. Wer schlecht von der Synode rede, vergesse, daß sie kein Parlament sei und daß in der römischen Kirche allein der Papst Beschlußentscheidungen fälle, gab der Synodenpräsident, Wiens Kardinal König, zu bedenken. "Machen wir uns nichts vor: Man spricht hier nicht die gleiche Sprache, wir haben nicht die gleichen Sorgen, wir sollten unseren Mißerfolg bekennen", rief dagegen der 40jährige Missionsbischof Rakotondravahatra aus Madagaskar.

Tatsächlich waren es vor allem die afrikanischen, südamerikanischen und asiatischen Bischöfe gewesen, die dem traditionell-europäischen Begriff von christlicher Verkündigung ihr eigenes, aus spezifischen Nöten erwachsenes Verständnis entgegensetzten. Die Säkularisierungsängste wohldotierter Kirchenfürsten in den hochindustrialisierten Ländern verblaßten daneben – oder ähnelten artigen Rückzugsgefechten. Das Spektrum der Aussagen reichte von der Verteidigung des palästinensischen Bischofs Capucci, der Waffen für die arabischen Guerillas transportiert hat, bis zum Protest gegen die Verwendung von Steuergeldern der Gläubigen für atheistische Propaganda. Man hörte das Geständnis des revolutionären brasilianischen Bischofs Helder Camara, daß "wir auf gewisse Weise Marx recht gaben, indem wir den Unterdrückten in armen und reichen Ländern ein Opium für das Volk anboten", und man vernahm des konservativen Kardinals Felice ausführlich dargelegte Sorge, daß die Bekehrung der Damen "quae passim publicae appelatur"(die man allerorts öffentliche nennt) dringender denn je geworden sei.

Kein Wunder, daß sich in der Synode am Ende manche Begriffe verwirrten, etwa jener von der befreienden Wirkung des Evangeliums: Befreiung von Sünde, von Armut, von Unterdrückung – was von all dem ist gemeint oder alles zusammen? Die christliche Verkündigung sei eben "ein dynamischer Prozeß" hieß es in einer Botschaft" der Synode, die mit nur elf Gegenstimmen schließlich gebilligt wurde, weil sie noch unbestimmter klingt als das abgelehnte Schlußdokument. Aber ist sie wirklich nur – wie Bischof Rakotondravahatra sagt – ein "Lendenschurz", der die Blöße verdeckt, die man sich gab?

Der Papst, der in seiner Schlußrede selber klarer Bilanz zog als die Bischöfe, sah Grund zu "realistischem Optimismus". Man habe einen wertvollen Erfahrungsaustausch erlebt, der zeige, "daß sich die ganze Kirche im Missionszustand befindet". Wer aber hoffte, Paul VI. werde darum den kräftigen Zentrifugaltendenzen nachgeben, wurde enttäuscht. Zwar haben die römischen Theologen erst angefangen, jahrzehntealte soziologische Erkenntnisse und politische Einsichten aufzuarbeiten, doch ihr Autoritätsreflex funktioniert so wie der moderner Imperien: Die Eigenständigkeit der Lokalkirchen habe sich dem Papst und seiner "Universalgewalt, die er immer frei ausüben kann", unterzuordnen, sagte Paul VI. und warnte davor, den nationalen, sozialen und humanen Aspekt christlicher Botschaft "allzu sehr" zu betonen. "Wir können nicht zulassen, daß man falsche Richtungen einschlägt."

Die Wegweiser jedoch, die der Papst aufstellte, zeigten nur "nach oben" – nicht auf das steinige Feld von fünf Kontinenten. Ihnen aber will diese Kirche ein Reich verkünden, das nicht von dieser Welt ist, sich aber in dieser Welt glaubwürdig machen will.