"Zur Idee der Kritischen Theorie", von Alfred Schmidt. Anders als sein Freund Adorno, der von seinen frühen, fast unzugänglichen Arbeiten sprach, als wären sie selbstverständlich allgemein bestens bekannt, hatte Max Horkheimer eine geradezu skrupulöse Scheu, in einer veränderten gesellschaftlichen Situation von seinen älteren, während der Nazizeit entstandenen Aufsätzen ohne den nachdrücklichen Hinweis auf die Veränderung zu reden. Nicht ganz zu Unrecht fürchtete er die platte Anwendung seiner Geschichtsphilosophie unter geschichtlich anderen Bedingungen. Hartnäckig hat er darum auch den Neudruck seiner schulbildenden Aufsätze aus der "Zeitschrift für Sozialforschung", selbst den der großen Gemeinschaftsarbeit mit dem publikationsfreudigen Adorno, der "Dialektik der Aufklärung", lange Zeit verhindert – so lange, bis er schließlich gar nicht mehr gefragt wurde und seine Werke als Raubdrucke erschienen. So gab Horkheimer die Einwilligung, daß sein Schüler Alfred Schmidt, heute Professor auf dem traditionsreichen Lehrstuhl in Frankfurt, erst seine Aufsätze, schließlich in einem neunbändigen Reprint die gesamte "Zeitschrift für Sozialforschung" neu herausgab. Schmidts Vorworte sind nun zusammen mit der Laudatio zur Verleihung des Lessing-Preises an Horkheimer (1971) und dem Nachruf aus der FAZ (1973) als selbständiges Buch erschienen. Schmidt entschuldigt sich für "gelegentliche Überschneidungen", die sich aus den Anlässen unvermeidlich ergeben hätten. Doch nicht die Überschneidungen, Wiederholungen sind das Problem dieses Buches, sondern die Anlässe selber. Im Grunde verführen sie – als Vorwort, Nachruf, Laudatio – schon vom literarischen Genre her zu philosophischem Reklamedenken. Die Gestalt des Lehrers muß übermächtig gewesen sein. Erwartet man nach der – kenntnisreichen und wichtigen – Darlegung der historischen Details (zumal im Vorwort zum "Zeitschriften"-Reprint) kaum sachlich-kritische Auseinandersetzung mit Horkheimer (bei den anderen Autoren der Zeitschrift ist Schmidt freier), so ist er selbst dort, wo er sich anschickt, "wenigstens einige der Horkheimerschen Motive auf den gegenwärtigen Stand der Diskussion zu beziehen", fixiert auf Horkheimers Argumentation. Trotzdem wird, wer an der Geschichte der Frankfurter Schule interessiert ist und sich nur wegen des Vorworts das Reprint der "Zeitschrift für Sozialforschung" nicht leisten kann, diesen Band haben wollen. (Elemente der Philosophie Max Horkheimers; Reihe Hanser 149; Hanser Verlag, München, 1974; 143 S. 8,80 DM.) Peter Buchka

"Adresse Lena Jargensen", von Klaus Rifbjerg. Die dänische Nora ist von heute (sie könnte in jedem westlichen Lande leben) und hat es, wie sie selber feststellt, nach Wunsch bekommen: Sie ist glücklich verheiratet, Mutter zweier Kinder, nimmt als Frau eines Taxifahrers mit eigenem Haus, Garten, Fernseher, Wagen am allgemeinen Wohlstand teil – und muß trotzdem entdecken, daß ihr etwas Wesentliches fehlt. Alle, die öffentlich vorgeben, sich mit ihr zu beschäftigen: die Reformer, die Industrien, die Massenmedien, wenden sich an sie "als eine Art Modell oder eine allgemeine Einrichtung", nicht an ihre Person. Aus Verzweiflung darüber, daß die Zeitgenossen an ihr vorbeireden, der Puppenfrau vorschlagen, die Welt nach einem einzigen Rezept zu erlösen oder Dinge zu beachten, an denen sich Geld verdienen läßt, setzt sie sich eines Tages hin und schreibt einem Schriftsteller, von dem sie sich persönlich angesprochen fühlt, einen Brief. Die scheinbar naive dänische Hausfrau entwickelt eine beachtliche Fähigkeit, sich ihre Situation vor Augen zu führen und spontan gegen die Klischees zu rebellieren. Mit solcher Revolte greift Klaus Rifbjerg, einer der interessantesten dänischen Schriftsteller, ein Problem der Zeit so wirkungsvoll auf, daß der Roman in Dänemark im Erscheinungsjahr 1971 drei Auflagen erlebte. Doch mit persönlicher Begegnung, Autorenlesung, Diskussion und einem Wiedersehen auf Gran Canaria, wo Nora-Lena, "noch nie richtig rausgekommen und nie richtig allein", Ferien macht, verflacht der Musterfall von Autor und Leserin zum Unterhaltungsroman. Seine Ausgestaltung ohne "Bekanntschaft" wäre lehrreich gewesen. Die Übersetzung von Udo Birckholz ist gut – auch im Tonfall. (Aus dem Dänischen von Udo Birckholz; Verlag Volk und Welt, Ostberlin, 1974; 224 S., 5,80 DM-Ost.) Anni Carlsson