Die Psychiatrie steht im Kreuzfeuer der Kritik. Das Elend der Anstalten, in denen vielfach menschenunwürdige Lebensbedingungen herrschen und eine Zureichende Therapie meist schon am Personalmangel scheitert, hat inzwischen auch die Politiker alarmiert.

Fast alles steht in der Psychiatrie in Frage: nicht nur die Behandlungsmethoden, nicht nur das Anstaltsmilieu, das den Patienten seiner Persönlichkeit beraubt, auch der Krankheitsbegriff selber und mit ihm die Rolle des Arztes. "Anti-Psychiater" nennen sich einige Kritiker, obwohl sie natürlich voll ausgebildete Psychiater mit praktischer Erfahrung sind. Sie wehren sich dagegen, Lagerverwalter für das Strandgut der Gesellschaft zu sein, leidende Menschen zu reparieren wie defekte Autos. Sie sehen in den Noten ihrer Patienten nicht ein medizinisches, sondern ein gesellschaftliches Problem und glauben, daß man sie nicht nur anders "behandeln", sondern vor allem anders mit ihnen leben muß.

Wie stellt sich die offizielle Psychiatrie dieser Kritik? "Kritik an der Psychiatrie" lautete das Thema, dem die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde einen ganzen Tag ihres jüngsten Jahreskongresses in München widmete. Jan Foudraine aus Amsterdam war als Redner geladen – der Autor einer vehementen Abrechnung mit der traditionellen Psychiatrie ("Wer ist aus Holz", Piper Verlag), von der der Münchner Psychiater Paul Matussek noch unlängst bedauernd schrieb, dieser "Aufschrei eines etablierten Psychiaters" sei in der Fachwelt fast ohne Resonanz geblieben.

Foudraine sprach in München von der Notwendigkeit einer menschennäheren Psychiatrie; er forderte eine neue Ausbildung, in der Psychologie und Sozialpsychologie dominieren. Und er forderte kleine, offene Lebensgemeinschaften an Stelle der hierarchisch organisierten Anstalten; er nannte es die Chance der Psychiatrie, durch eine grundsätzliche Wandlung zur Vorläuferin einer kulturellen Revolution zu werden, die zu größerer Menschlichkeit führe.

Resonanz fand Foudraine in München nicht. Manchmal gab es Gelächter und ironischen Beifall; doch keine Auseinandersetzung mit seinen Thesen. So behielt er den Eindruck, als das mißbraucht worden zu sein, was die Veranstaltung nach einleitenden Worten von Professor Hans Lauter nicht hätte sein sollen: ein "bequemes Alibi".

Der einzige Redner, der Foudraine einer Entgegnung würdigte, Professor Zerssen, hatte neben feuilletonistischen Seitenhieben nicht mehr zu bieten als die noch immer unbewiesene Behauptung, "Schizophrenie" sei eine eindeutig körperliche Krankheit und eine einseitige Überakzentuierung von Erbfaktoren. Warum Foudraine einladen, wenn man ihn nicht ernst nehmen will?

Die wenigen wirklich kritischen Stimmen klangen unüberhörbar resigniert. Professor Asmus Finzen wertete die derzeit laufenden Reformbemühungen als taktische Anpassung und nannte dafür zwei Beispiele: