Sergej Tretjakow: "Die Arbeit des Schriftstellers" und ein "Bio-Interview"

Von Marianne Kesting

Die Reprise der sowjetischen "roaring twenties", die mit Chruschtschows Entstalinisierungsversuch auf dem XX. Parteitag ihren Anstoß erhielt, setzt sich auch in Deutschland fort, belebt durch die Studentenrevolte der Jahre 1967/68. Mit der Sehnsucht nach den freieren Tagen der Revolution verbinden sich die alten, bisher ungelösten Fragen marxistischer Ästhetik, nach der Verbindung von Kunst und Revolution. Aber erst mit der Herausgabe der Dokumente lassen sich die prinzipiellen Entscheidungen sondieren. Bisher war die Information sporadisch. Die sowjetische Kunstphase der zwanziger Jahre ist, eben wegen der unvollständigen Information, zu einer Art Mythos geworden. Diesen Mythos gilt es zu untersuchen.

Jedes Dokument ist willkommen, besonders wenn es sich um ein so wichtiges wie die Aufsätze von Sergej Tretjakow handelt, des Gefährten von Brecht und Walter Benjamin in der Auseinandersetzung mit der Gruppe um Lukácz, Becker, Kurella, die, unterstützt durch den stalinschen Kurs, wenigstens zeitweilig einen für die Geschichte der sozialistischen Literatur verhängnisvollen Sieg errang. Die beiden Positionen, die Helga Gallas in ihrer Arbeit "Marxistische Literaturtheorie" näher untersuchte, sind bis heute nicht geklärt. Vorab handelt es sich um die Frage, ob revolutionäre Kunst die ästhetische Neuerung erlaube oder sogar fördere, oder ob sie sich, der größeren Verständlichkeit für die Massen wegen, in mehr traditionellen Bahnen zu bewegen habe.

Die marxistischen "Klassiker" haben keine sehr exakten Anweisungen für die künstlerische Verarbeitung ihrer Thesen hinterlassen und zum Formproblem höchst vage Stellung bezogen. Dies Problem wäre weniger brennend, wenn es nicht so blutige Konsequenzen gehabt hätte. Stalin mordete die revolutionäre Intelligenz der ersten Generation, er schuf eine Phalanx von Märtyrern unter den Künstlern, die sich nicht bedingungslos der immer noch unklaren Doktrin vom "Sozialistischen Realismus" unterwarfen.

Begegnungen mit Brecht

Die Reprise der sowjetischen "roaring twenties" ist also ein melancholisches Unterfangen. Noch immer mündet sie in betretenes Schweigen über das Ende jenes großen künstlerischen Aufbruchs oder in die nüchternen Daten des Entsetzlichen: Sibiren, verschollen, erschossen.