Neu in Museen und Galerien:

Baden-Baden Bis zum 24. November, Staatliche Kunsthalle: „Bernard Schultze – Die Welt der Migofs“

Migof, ein lautmalerisches Wort ohne exakte Bedeutung, ist der als Gattungsbegriff zu vergehende Name für die plastischen Figurationen Bernard Schultzes, die, entsprechend ihrer Bezeichnung, auch nur andeutungsweise erklärbar sind – in der Migof-Welt ist alles vieldeutig. Die Migofs sind biegsame, zerbrechlich wirkende Gebilde, die (wie der Migof-Macher sagt) „zwischen den anderen Geschöpfen stehen, zwischen Tier, Pflanze, Mensch“. Ausgestattet mit einem drahtenen Skelett, einem aus Papier oder Stoff geformten Körper, den eine Farbhaut umspannt, erinnern sie an Alraunen, an Science-fiction-Monster, an krankhaft wuchernde Pflanzen, an Menschen im Moment ihrer Verwandlung in Bäume: Metamorphose ist ein bevorzugter Zustand der Migof-Existenz. Migofs sind hybride, alexandrinische Metaphern von Wachsen und Zerfallen, von Werden und Vergehen. Und sie sind manieristische Chiffren der Angst, ihre süßlichgiftig bunten Oberflächen sind schrundig, ihre Körper sind verletzt. Wunden brechen auf, Höhlungen öffnen sich, mit schutzflehenden Gebärden wenden sie sich hilfesuchend an den Betrachter. Nicht zuletzt sind die Migofs Kunstfiguren einer kaputten Romantik, die angesichts der Umweltzerstörung von einer Natur im Stande der Unschuld träumt. Auch Dschungelfäulnis vermag in bizarren Blüten neues Leben hervorzutreiben, das ist ihre Botschaft der Hoffnung, die allerdings ständig in Frage gestellt ist. Fragil, dünnhäutig, verletzbar, sind die Migofs keineswegs optimistisch stimmende Gestalten. Vom schützenden Grund abgelöst, im Raum exponiert, zwischen den Gattungen stehend – teils Malerei, teils Plastik, gelegentlich mit dem Versuch einer Synthese in Form von Environments – sind die Migofs exemplarische Vertreter einer bedrohten Existenz Helmut Schneider

Berlin Vom 4. bis zum 7. November, Galerie Gerda Bassenge: „Auktion 24, Teil 1: Alte und Neue Kunst“

Auffällig ist der Mangel an großen Objekten auf dieser ersten Herbstauktion, Sensationelles ist da kaum zu erwarten. Bei der Alten Graphik etwa werden keine Spitzenblätter von Dürer und Rembrandt angeboten; dafür enthält der Katalog eine Menge Namen, die für Sammler mit Spezialinteressen in Betracht kommen. So findet man bei den Italienern Kupferstiche von Robetta, die zwischen 3000 und 4000 Mark angesetzt sind, von Giorgio Ghisi und Cimerlini, dessen Darstellung einer „Liegenden Frau in der Landschaft“, Schätzpreis 1500 Mark, zu den bedeutenden Leistungen des Frühmanierismus zählt. Federico Barocci ist mit dem seltenen Blatt der „Stigmatisation des hl. Franziskus“ vertreten (Schätzpreis 1800 Mark), nach dem Gemälde in der Kapuzinerkirche von Urbino. Von Annibale Carracci gibt es ein so wichtiges Blatt wie „Die Jungfrau mit der Schale“ von 1606 (450 Mark). Innerhalb des 18. Jahrhunderts hält Chodowiecki mit nicht weniger als 40 Katalognummern die Spitze; neben kompletten Illustrationszyklen und Einzelblättern werden auch signierte Vorzeich nungen für die Druckgraphik angeboten. Die deutsche Romantik, für die sich nun auch schon breitere Sammlerschichten erwärmen, ist mit Künstlern wie Julius Schnorr von Carolsfeld, Overbeck, Erhard, Klein und Nerly präsent, das schönste Blatt stammt von Blechen, eine Sepiazeichnung vom Mühlental. in Amalfi (4500 Mark). Die Abteilung 20. Jahrhundert offeriert größere Werkgruppen vor allem von den Künstlern, die in Berlin gelebt haben: Lesser Ury (Pastelle zwischen 12 000 und 15 000 Mark), Orlik, Slevogt, Liebermann (das Gemälde „Kind und Wärterin“ für 26 000 Mark) und Zille.

Hamburg Bis zum 30. November, Galerie Brockstedt: „Richard Müller“

Seine ersten und entscheidenden künstlerischen Impulse verdanke er, wie Richard Müller in seinen Memoiren offen und ohne Ironie erzählt, der „Gartenlaube“, auf die sein Vater als deutscher Kleinbürger abonniert war. Und in der Gartenlaube ist er auch geblieben, bis er als emeritierter Akademieprofessor 1954 in Dresden-Loschwitz gestorben ist. Er wurde dabei etwas absolut Einmaliges und Unwiderstehliches, ein Magritte der Gartenlaube gewissermaßen. Hans Brockstedt hat den Mann wiederentdeckt, den die Kunstgeschichte entweder überhaupt nicht oder nur in einer Nebenrolle (als Lehrer von Otto Dix und George Grosz und Richard Scheibe) zur Kenntnis genommen hat. Sein Werk, bisher nur von einigen exzentrischen Künstlern und Sammlern bewundert, wird jetzt zum erstenmal einer größeren Öffentlichkeit in der Bundesrepublik dargeboten, rund 50 Ölbilder und Zeichnungen aus den Jahren 1906 bis 1953 sowie 60 Radierungen. Ein fabelhaftes Werk, ein halsbrecherischer Balanceakt zwischen Trivialrealismus und ausschweifenden Halluzinationen, zwischen unfreiwilliger Komik und unfreiwilligem Genie. Richard Müller hat eine unglückliche Liebe zur griechischen Mythologie. Er malt beispielsweise eine „Circe“, die als schelmischer Nackedei, in Rückansicht, zwischen ihren Tieren posiert, eine schrecklich banalisierte Antike. Ein faszinierendes Bild aber auch, das ungewollt und absichtslos eine surreale Dimension eröffnet, weil der Maler mit ständig wechselnden Perspektiven arbeitet, weil das Mädchen unter einem anderen Blickpunkt gesehen ist als der Boden (ein mit Mosaiken dekorierter Boden, die Müller der Antike nachempfunden hat, so daß mit dieser neckischen Circe das Bild ins Schwanken gerät. Das Ganze wird noch irritierender, noch magischer, weil sich Richard Müller in schöner Naivität der gleichen Methode bedient, die Magritte später legitimiert hat: Er verwendet mehrere Lichtquellen im gleichen Bild, jedes Objekt, jedes dieser seltsamen Tiere produziert gleichsam sein eigenes Licht, das es beleuchtet. Das Thema „La Belle et la Bête“ gehört zu Müllers Lieblingsmotiven, es wird in zahlreichen Variationen vorgeführt, bis zu den Pavianen, die durch eine Lupe die schöne Nackte betrachten. Die Attraktivität solcher Bilder und Zeichnungen besteht gerade darin, daß die exaltierten Ideen in einem trockenen, pedantisch akademischen Ton vorgetragen werden (siehe auch Bildbericht im ZEITmagazin).