Von Carl-Christian Kaiser

Moskau, im Oktober

Auf den ersten Blick sah es so aus, als sitze hier eine mit sich und der Welt zufriedene Gesellschaft beieinander, um sich nach anstrengenden, aber Erfolg verheißenden Gesprächen noch einmal des beiderseitigen Wohlwollens und guten Willens zu versichern. Im Kreise von fast 200 Sowjets und Deutschen verzehrten Bundeskanzler Schmidt und Ministerpräsident Kossygin, Außenminister Genscher und sein Amtskollege Gromyko, einander paarweise gegenüber plaziert, was per Luftwaffen-Boeing aus deutschen Landen frisch auf den Moskauer Tisch gebracht worden war: Hühnersuppe, Rehrücken, Erdbeerkrem, Wein aus der Pfalz und aus Württemberg.

Aber in der sterilen Atmosphäre des bahnhofähnlichen Saales im "Haus der Empfänge" auf den Leninbergen wurde weder ein Liebesmahl noch ein Abschiedsfest gefeiert. Es wurde vielmehr eine Zwischenmahlzeit eingenommen, mit der sich die Deutschen für die sowjetische Gastfreundschaft bedanken wollten, denn die Delegationen befanden sich noch mitten in den Verhandlungen. Und was bis dahin an kargen Andeutungen über den Verlauf der Unterredungen zu hören war, klang noch nicht sehr erfolgversprechend. Fast während der ganzen Arbeitssitzung am Dienstag vormittag hatten Breschnjew, Kossygin und Gromyko mit Schmidt und Genscher das Berlin-Problem erörtert, ohne daß sich eine Möglichkeit abzeichnete, dieses Problem zu den Akten zu legen.

Schon am Abend zuvor, im Facettenpalast des Kreml, hatte es beim Festbankett zwischen dem sowjetischen KP-Chef und dem Bundeskanzler eine Kontroverse in der Berlin-Frage gegeben. Breschnjew sprach in seinem Toast davon, man brauche die "strikte Einhaltung" des Berlin-Abkommens, "damit die Westberliner Frage völlig aufhört, die politische Atmosphäre im Zentrum Europas zu verdüstern". Daraufhin legte Schmidt, der eigentlich in seiner ersten Ansprache das heikelste Problem nicht gleich hatte aufgreifen wollen, bei seiner Antwort in einem improvisierten Einschub den Akzent auf den anderen Teil jener Formel, wie sie vor anderthalb Jahren beim Besuch Breschnjews in Bonn mit Willy Brandt vereinbart worden war: auf die "volle Anwendung" des Abkommens. Man brauchte diese Meinungsverschiedenheit nicht allzu ernst zu bewerten, aber es erschien doch bezeichnend, daß sie gleich zu Beginn des Kanzlerbesuchs aufkam.

Den deutschen Regierungschef verfolgte auch ein anderes Problem bis nach Moskau: die Wahlerfolge der CDU/CSU bei den jüngsten Landtagswahlen, besonders der außergewöhnliche Stimmenanteil der CSU in Bayern. Ob denn nun Franz Josef Strauß im Kommen sei – dies war die Frage, die den deutschen Journalisten von ihren sowjetischen Gesprächspartnern am .häufigsten gestellt wurde. Und es war wiederum Leonid Breschnjew, der im ersten Delegationsgespräch die Rede auf die revanchistischen Gefahren brachte und dabei den Namen des CSU-Vorsitzenden erwähnte. Mit der gebotenen Reserve gab Schmidt zurück, Strauß sei gewiß der bedeutendste Gegner der Ostpolitik und nicht sein Freund, aber wer ihn einen Revanchisten nenne, tue ihm Unrecht.

Solche Scharmützel verraten einerseits, welche untergründigen, oft vergangenheitsbezogenen Spannungen das deutsch-sowjetische Verhältnis noch immer beeinflussen. Aber auf der anderen Seite zeigt die Tatsache, daß darüber mehr oder minder unverblümt geredet und – Regierungssprecher Bölling – keine "diplomatische Süßholzraspelei" mehr betrieben wird, wie sehr sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion tatsächlich normalisiert haben. Auch über dem dritten Besuch eines westdeutschen Bundeskanzlers liegt noch immer der Hauch des Außergewöhnlichen. Aber von Mal zu Mal, von Konrad Adenauer 1955 über Willy Brandt 1970 bis Helmut Schmidt, sind die Streitpunkte immer mehr eingegrenzt worden – was nicht heißt, daß sie auch überall an Schärfe verloren hätten.