Hannover

Wenn der Rat von Hannover im November den 43 Jahre alten Baudezernenten von Frankfurt, Hanns Adrian, als Nachfolger von Professor Rudolf Hillebrecht zum neuen Stadtbaurat Hannovers wählt, bestätigt sich die Voraussage etlicher Propheten. Als der erfolgreiche Diplomarchitekt, bis dahin Leiter der Stelle für Sonderplanungen im hannoverschen Bauamt, Anfang 1972 von der Leine an den Main zog, rechneten viele seiner Freunde mit seiner Wiederkehr.

Adrian selbst hatte sich damals auf eine Liebeserklärung für Hannover beschränkt: "In zehn sehr schönen Jahren habe ich gesehen, daß es in Hannover hinter seiner fast koketten Konservativität eine Modernität und Fortschrittlichkeit gibt, die mich fasziniert haben." Hanns Adrian fühlt sich heute aber nicht nur von der Leinestadt angezogen; es treibt ihn auch aus dem Frankfurter Römer hinaus.

Daran, so beteuert Adrian, seien nicht Meinungsverschiedenheiten mit seinem sozialdemokratischen Parteifreund Oberbürgermeister Rudi Arndt schuld; entscheidend für ihn seien andere Gründe. Durch Funktionsübertragung auf einen Umlandverband hat er die Zuständigkeit für den Generalverkehrs- und den Flächennutzungsplan und damit die Bestimmung über die Grundlagen aller planerischen Konzeption verloren. Ein zweiter Kompetenzverlust traf den Architekten Adrian: Auch das Hochbauamt wurde aus seinem Dezernat ausgegliedert. Neben diesen Umbildungs-Unbilden ist aber auch nicht zu leugnen, daß das kommunalpolitische Klima in Frankfurt rauher ist als in Hannover.

Allerdings selbst dort ist Adrians Stellungswechsel nicht ohne Querelen verlaufen. Als nach Abschluß der Ausschreibungsfrist für die Stadtbauratsstelle – Adrian hatte sich nicht beworben – zu erkennen war, daß keiner der 20 Kandidaten auf Anhieb überzeugte, sahen Adrian und seine Freunde, die ihn wiederhaben wollten, ihre Früchte reifen. "Adrian will sich jetzt bewerben", sagte der SPD-Ratsfraktionsvorsitzende Walter Heinemann am Rande einer Sitzung zu seinem Duzfreund, dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Wilhelm Freckmann.

Die Christdemokraten, die mit 27 von 65 Ratsmitgliedern weder einen der neun Dezernenten noch einen der drei Bürgermeister, das heißt der drei stellvertretenden Ratsvorsitzenden, stellen dürfen und seit Jahren über die "personelle Verfilzung" zwischen SPD und Stadtverwaltung sowie über Einflußnahmen der SPD-Parteiorganisation auf die Rathauspolitik schimpfen, erklärten sich prompt für brüskiert. Die Kommission ließen sie durch Abberufung ihrer beiden Vertreter auffliegen.

Der CDU-Unmut bezieht sich freilich wesentlich auf das Verfahren. Der Person Adrians steht die Rathaus-Opposition im Hinblick auf seine unbestrittenen fachlichen Qualitäten nicht ablehnend gegenüber. In der späten Erkenntnis, daß es sich bei derartiger Auswahlmethode nicht zuletzt im Interesse des Bewerbers empfiehlt, eine interfraktionelle Vorklärung herbeizuführen, wollen die Sozialdemokraten noch vor der Wahl Adrians mit der CDU sprechen und die Querelen zu beenden versuchen.

Bedeutungsvoller als diese Geburtswehen ist für den 1,96 Meter großen Zweizentnermann Hanns Adrian das Gewicht seiner neuen Funktion. Er übernimmt am 1. März 1975 als Hillebrecht-Nachfolger die Stelle eines Mannes, der als Architekt, Planer und Städtebauer weltweites Renommee besitzt, dem die Mitgliedschaft im Orden Pour le Mérite und zahlreiche andere Ehrungen zuteil geworden sind und dessen Stuhl einzunehmen einen nicht geringen Erfolg darstellt. Wolfgang Risse