Paris, im Oktober

Im Sportpalast von Vitry erklang die Internationale. Über 1200 Delegierte der französischen KP sangen zum Abschluß des 21. Parteikongresses mit Inbrunst das Lied vom Endkampf. Doch nur schüchtern und für Sekunden reckten sich ein paar geballte Fäuste nach oben. Die großen Gesten sind bei Frankreichs Kommunisten aus der Mode gekommen. Ihr neues Schlagwort heißt Reform, nicht Revolution. Sie treten nach den Spielregeln der parlamentarischen Demokratie an, die Diktatur des Proletariats ist nicht mehr gefragt. Frankreichs KP gibt sich Mühe, ihr Gesicht zu ändern, als eine offene, diskussionsfreudige Partei zu erscheinen.

Vieles war in Vitry einem Ort innerhalb der roten Bannmeile von Paris, vertraut wie eh und je: die einstimmig gefaßten Resolutionen, das knallrot ausgeschlagene Rednerpult mit Hammer und Sichel, das rhythmische Klatschen, die antikapitalistischen Parolen. Sonst aber präsentierten sich neue Kommunisten. Das Durchschnittsalter der Delegierten lag bei dreißig Jahren Nie zuvor war so viel diskutiert worden, kaum jemals wurden so gravierende Änderungen in der sorgfältig vorbereiteten Schlußresolution vorgenommen, selten war die Diskussion von einem so neuartigen Schlagwort wie in Vitry beherrscht: Union des französischen Volkes für den demokratischen Wandel.

Was Parteichef Georges Marchais am Ende des Konvents seinen Genossen mit auf den Weg gab, klang nicht nach sozialistischem Umsturz. Er sprach von Optimismus, Sicherheit und einer neuen Gesellschaft. Das Wort Klassenkampf nahm er kein einziges Mal in den Mund.

Seit 1970 leitet der 54jährige Marchais die Geschicke der KP, die mit 400 000 Mitgliedern Frankreichs stärkste, am besten organisierte und wohl auch wohlhabendste Partei ist. Wie kaum einer seiner Vorgänger hat er in vier Jahren die Partei, ihre Propaganda und ihre Sprache geprägt. Dabei ist er recht spät ihr Mitglied geworden. Erst nach einer Lehre in der Luftfahrtindustrie und vier Monaten Zwangsarbeit im nazistischen Deutschland (seine Gegner werfen ihm vor, er habe sich dazu freiwillig gemeldet) wurde er Parteimitglied. "Erst 1947 trat ich in die Partei ein", erinnert er sich, "genau im Mai, nachdem die kommunistischen Minister aus der Regierung verjagt wurden." Dieses Erlebnis hat ihn "bekehrt", es war für ihn Verrat an allem, was die Kommunisten während der deutschen Besetzung für ihr Land getan hatten. Und es wurde zugleich die Begründung seines politischen Ziels: die Kommunisten wieder in die Regierungsverantwortung zu bringen, notfalls unter Verzicht auf bestimmte Ziele.

So erklärte sich 1972 Marchais’ erstes Wahlbündnis mit den Sozialisten, dessen Basis – das Gemeinsame Programm – ein Kompromiß war. So ist auch zu verstehen, daß er seiner Partei den Präsidentschaftskandidaten Mitterrand aufdrängte. Marchais ist zuerst Realist. "Ob uns das gefällt oder nicht", erklärte er unlängst, "heute gibt es in Frankreich keine Mehrheit, die sich an den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft machen will... Ich sage den Parteimitgliedern: Wenn wir für diese Parole kämpfen, werdet ihr noch den 100. und sogar den 150. Geburtstag der Partei in der Opposition feiern."