Von Wolfram Siebeck

Wissenschaftler haben ausgerechnet, wieviel zusätzliche Nervenkraft wir durch den Streß des modernen Lebens verbrauchen; vom gefährlichen Leistungsdruck beim Freiberufler, der Glück hat, wenn seine armen Kinderchen nicht schon zu Waisen werden, bevor sie den verzweifelten Appell des Papas, auf jeden Fall eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen, richtig erfassen können – bis zum armen Reichen, der bei den derzeitigen Aktienkursen in seinem Hallenbad zum Dauerschwimmer werden muß, um dem Herzinfarkt zu entgehen.

All diese Gastritis fördernden Zwange (der Zwang, sich das Rauchen abzugewöhnen; der Zwang, bei jedem Stück Kuchen an die Hungernden in Indien zu denken; der Zwang, sozial zu sein, wo man doch von der Ungleichheit der Menschen überzeugt ist, jedenfalls was einen selbst betrifft) und andere Schadstoffe sind von Wissenschaftlern auf ihre gesundheitsschädliche Wirkung untersucht worden. Doch haben die Gelehrten wohlweislich den gefährlichsten Erreger von Bluthochdruck ausgespart: die Wissenschaftler.

Gibt es irgend etwas, das uns in den letzten Jahren mehr Nerven gekostet hat als der Club of Rome? Mit 14,8 Dilemma ist seine Wirkung auf den zeitunglesenden Bürger sicherlich nicht zu hoch eingeschätzt. (1 Dilemma = die Vitalitätsmasse, die durch Aufregung und pessimistische Prognosen verbraucht wird.)

Sind die ständigen Warnungen der Ärzte vor schrecklichen Zivilisationskrankheiten nicht schlimmer als der eine Fall von akuter Impotenz in der Familie?

Wegen, zwei Kilo unbezahlter Rechnungen schläft heute kein Mensch mehr schlecht. Aber seht euch im Fernsehen eine wissenschaftliche Sendung über die Gefahren der Überschallgeschwindigkeit an (über Grundwasserverschmutzung/Rohstoffmangel/Überbevölkerung/Butterverzehr/Bewegungsmangel/Sport: Nichtschreckendes bitte streichen) und ihr wälzt euch schlaflos in euren Betten. Das aber zerrüttet die Nerven noch mehr und macht hungrig. Letzteres verschärft, natürlich, das weltweite Ernährungsproblem. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Am Frühstückstisch ist man ein Wrack; kein Wunder, daß die Gattin den Hysteriker endgültig leid ist und von Scheidung spricht. Nach wissenschaftlichen Berechnungen ist das jedoch die sicherste Methode, die Lebensfähigkeit des Sensiblen um weitere 7,9 Dilemma zu verringern. Lebensmüde Zeitgenossen greifen daraufhin zur Morgenzeitung und schlagen die Seite "Wissenschaft und Forschung" auf...

Wenn es so etwas wie einen Trost gibt, so ist es die Hoffnung auf Irrtum. Schon einmal waren die Zeitungen voller. Prognosen; schon einmal, haben Fachleute einer staunenden Öffentlichkeit verraten, wie die Zukunft aussehen würde. Das war um die Jahrhundertwende, und im Gegensatz zu heute war man damals voller Optimismus. Der Fortschritt, also das, was heute für kommende Katastrophen verantwortlich gemacht wird, war unseren Großeltern Garantie für eine herrliche Zukunft, auf die sie voller Hoffnung warteten. Es kam, wie man weiß, dann ganz anders.

Warum sollten die Menschen ausgerechnet bei der Zukunftsforschung aus ihren Fehlern gelernt haben?