Von Alfred Dregger, dem Sieger in Hessen, wird man in Zukunft gewiß noch einiges hören. Schon jetzt zählt der hessische CDU-Vorsitzende zu den umstrittensten Figuren auf der politischen Bühne der Bundesrepublik. Für die einen ist er der strahlende Ritter für Recht und Ordnung, für die anderen der finstere Anwalt eines Rechtskartells. Vielleicht provoziert Dregger extreme Urteile; es scheint jedenfalls schwer zu sein, ein sachliches Bild von ihm zu zeichnen.

Frank von Auers Buch

"Alfred Dregger. Ein kritisches Porträt"; Verlag Volker Spiess, Berlin 1974; 155 S., 6,80 DM

macht da keine Ausnahme. Zwar verspricht der sozialdemokratische Autor im Vorwort: "Die Untersuchung hat sich das Ziel strenger Sachlichkeit gesetzt. Sie kann weithin auf Wertungen verzichten, weil die – im einzelnen mit Fundort nachgewiesenen – Belege für sich sprechen." Aber der gute Vorsatz ist schnell vergessen.

Auer versucht Dregger an Hand seiner Reden zu porträtieren. Das ist immer ein gewagtes Unterfangen, zumal bei einem Politiker, der noch nicht so lange den Tiefstrahlern der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, als daß seine Charakterzüge schon völlig ausgeleuchtet wären. Dregger ist für die meisten Deutschen immer noch ein unbeschriebenes Blatt. Ihn nur mit Hilfe von Selbstzeugnissen darzustellen, heißt ein eindimensionales Profil zu zeichnen; persönlicher Hintergrund, Stil und Eigenarten bleiben dabei unberücksichtigt.

Wenn zu diesen Mängeln Einseitigkeit dazu kommt, kann ein unbefriedigendes Buch auch noch ärgerlich werden. Was ist beispielsweise von der Aussage zu halten: "Radikal und ohne Einschränkung blieb und ist er der Ideologe der Unternehmerorganisationen in der CDU."? Selbst seine überzeugtesten Anhänger werden Dregger das intellektuelle Rüstzeug für eine solche Position bestreiten, wenngleich es an seiner Unternehmerfreundlichkeit und Anti-Gewerkschaftshaltung nichts zu rütteln gibt. Dreggers Rede im Januar 1971 vor dem Düsseldorfer CDU-Bundesparteitag, mit der er das Umschwenken seiner Partei auf ein unternehmerfreundlicheres Mitbestimmungsmodell bewirkte, ist unvergessen. Sie wird vom Autor auch weidlich zitiert.

Überhaupt müssen die wenigen bedeutenden Reden, die Alfred Dregger gehalten hat, für gar viele Auslegungen über seine Person und Position herhalten: Dreggers Verhältnis zu den Gewerkschaften, Dregger zur Ost- und Deutschlandpolitik, Dregger zur Verfassungswirklichkeit – die Quellen sind dürftig, aus denen geschöpft wird. Aber so gering das analysierte Material auch ist, es läßt doch keinen Zweifel daran zu, daß "Django" Dregger mitunter mit dem Wort nicht zimperlich umgeht. "Die ständig wiederkehrende Behauptung", stellt der Autor fest, "der Staat sei bedroht und die Demokratie gefährdet, hat eine andere Funktion – die Diskriminierung des politischen Gegners insgesamt durch den Versuch, seine Verfassungstreue in Zweifel zu ziehen."

Im Anhang werden die interpretierten Reden noch einmal im Wortlaut gebracht. Nach den vorhergehenden, nicht immer widerspruchslosen Auslegungen kann sich der Leser dort selber ein vages Bild vom Rechtsaußen der CDU zimmern, den die Hessenwahl auf seinem Weg zu einem Ministeramt oder noch höherem in Bonn ein großes Stück vorwärtsgebracht hat. Dieter Buhl