Stuttgart

In der Reichswehrzeit marschierte er als blutjunger Hauptmann, den Pour-le-Merite auf der Brust, strammen Schrittes durch die Stuttgarter Garnisonsvorstadt Bad Cannstatt. Fünfzig Jahre später, im Kampf um den Oberbürgermeisterposten der baden-württembergischen Landeshauptstadt, ist er unverhofft wieder dabei: Erwin Rommel, Generalfeldmarschall in Afrika, und an der Westfront. Sein Sohn, Manfred Rommel (45), Oberbürgermeisterkandidat der CDU, wollte zu Anfang nicht wahrhaben, daß die legendäre schwäbische Generalspersönlichkeit die Wahlentscheidung breitester Schichten zu seinen Gunsten beeinflussen könnte.

Nach fünf Wochen Wahlkampf, in dem er sich, mit dem SPD-Kandidaten Peter Conradi und dem FDP-Mann Kurt Gebhardt messen muß, ist selbst Manfred vom Gegenteil überzeugt worden. Nach Rommel heißt nämlich nicht nur eine Bundeswehrkaserne in Münsingen und ein Raketenkreuzer der Marine, auch bei jeder Wahlveranstaltung, an der der eher schlaksig und hilflos wirkende Generalssohn auftritt, ist der Vater gegenwärtig. "Der Vater war a rechter Ma", diese lakonische Aussage eines Wählers ist in Schwaben mehr als nur die ehrfurchtsvolle Erinnerung an eine beliebte Persönlichkeit. Sie ist Handlungsgebot auch für die Gegenwart. Denn von einem "rechten" Vater muß auch ein "rechter" Sohn abstammen.

Selbst ein heimlicher Schuldkomplex scheint sich in den Stuttgarter Wahlkampf einzuschleichen. "Wir wählen den Rommel", sagte ein älterer Teilnehmer einer Wahlveranstaltung, "das sind wir ihm schuldig."

Die CDU Baden-Württembergs, für die der OB-Wahlkampf eine Prestigeangelegenheit erster Ordnung ist, sieht den Generalfeldmarschall natürlich nicht ungern. CDU-Politiker räumen hinter der vorgehaltenen Hand ein, daß sie den Stimmenwert des Feldmarschalls mit gut und gern fünf Prozent veranschlagen. Und wie es der Zufall wollte, fiel auch der 30. Todestag Erwin Rommels mitten in den Wahlkampf. Vor zehn Tagen versammelte sich zur Kranzniederlegung am Rommel-Denkmal in Herrlingen bei Ulm nicht nur die jährliche Abordnung von Afrikakämpfern. Auch Gerhard Mahler war erstmals mit von der Partie. Mahlers ist Staatssekretär der CDU-Landesregierung und Vorsitzender jenes CDU-Bezirksverbands, der sich zu den Paten des Stuttgarter Wahlkampfs rechnet.

Jörg Bischoff