Von Rolf Kunkel

Auf dieser Welt gibt es nur zwei Arten von Tragödien: die eine besteht darin, nicht zu bekommen, was man sich wünscht, und die andere darin, es zu bekommen ...

(Oskar Wilde)

Es stieg kein weißer Rauch aus den Fenstern des Wiener Rathauses, um der Welt das Wahlergebnis über die Olympischen Sommerspiele 1980 zu signalisieren. Die Kardinäle des IOC hatten mit den Stimmzetteln den Zerreißwolf gefüttert. Aber eine Papstwahl kann nicht geheimnisvoller sein. Nur die beiden dienstältesten Mitglieder kennen das Abstimmungsergebnis. In der Staatsoper stand an diesem Tag "Die Macht des Schicksals" auf dem Programm, als Lord Killanin das inhaltsschwere Wort "Moskau" sprach. Der Gedanke, daß zwei Männer mit den Stimmzetteln allein waren und keine Kontrollmöglichkeit besteht, gibt der Phantasie die Sporen und liefert Stoff für einen ganzen Roman. Los Angeles mußte 25 000 Dollar abschreiben und die Hoffnung, jemals zu erfahren, wieviel Stimmen sie mit der Aussicht auf ein paar schöne Tage in Hollywood und Disneyland mobilisierten. Amerikaner wie Sowjets warfen mit Garantien um sich, die den Abwehrdiensten beider Länder noch jahrelang zu schaffen machen.

Wie Politiker nach gewonnenem Wahlkampf wird Moskau sechs Jahre an seinen Versprechengen gemessen. Aber auch der Wintersportort Lake Placid muß Farbe bekennen, wenn der Sportredakteur der kommunistischen "l’Humanité" Visaformulare beantragt. Politische Vernunft und sportliche Fairness standen Pate bei der Wahl Moskaus. Was nützen Olympische Spiele in Los Angeles, wenn die Hälfte der Welt fernbleibt. Natürlich ist vielen Delegierten die Wahl nicht leicht gefallen und sie wurde ihnen nicht dadurch erleichtert, daß einige Mitglieder der UdSSR-Delegation bei der Präsentation der Olympiabewerbung rote Oberhemden trugen. Es gibt IOC-Mitglieder, die noch die erste Olympiade 1896 vor Augen haben, die alt genug sind, um sich zu erinnern, daß das zaristische Rußland zwar 1908 und 1912 mit kleinen und sportlich unbedeutenden Mannschaften an den Spielen teilnahm, daß sich Moskau aber nach der Revolution zurückzog und die Spiele 30 Jahre lang als eine "bourgeoise Erfindung, die danach strebt, die Welt in neue Kriege zu stürzen" attackierte. Manchmal setzt die Geschichte einem Land den Stuhl vor die Tür, andere stellen sich selbst ante portas. China ist das beste Beispiel. Vor Jahren zogen sie verärgert des Weges, jetzt klopfen sie zaghaft an die Tür. Der Magnet Olympia macht’s möglich. Keine andere Organsiation dieser Welt kann einen Garantievertrag mit einer kommunistischen Regierung vorweisen, der erst Jahre später in Kraft treten soll. Es ist müßig, jetzt darüber zu spekulieren, wie die politischen Organe der UdSSR die Abmachungen später interpretieren werden, wie der touristische Pkw-Verkehr für Hunderttausende von Besuchern abrollen soll in einer Stadt, die gegenwärtig über ganze zwei Tankstellen verfügt, an der für ausländische Fahrzeuge geeignetes Benzin erhältlich ist, oder wie die immensen Sprachbarrieren überwunden werden, durch die eine simple Taxifahrt zum Abenteuer wird. Überlegungen dieser Art, die ohnehin vom Regen des nächsten Tages fortgespült werden können, sind auch deshalb wenig sinnvoll, weil man westliche Maßstäbe nicht an eine Veranstaltung im Ostblock anlegen sollte. Kein Tourist kann auf einer Afrikasafari frische Brötchen zum Frühstück erwarten,

Für Olympia hat eine neue Epoche begonnen. Die Wahl von Wien, an gleicher Stelle, an der die UdSSR 1951 in die olympische Bewegung aufgenommen wurde, hat historische Dimensionen. Wenn 1980 Amerikaner in Tallin die "New York Times" lesen können, und Deutsche wie Holländer im Auto durch Minsk oder Leningrad fahren, ist das kein Verdienst der UNO, sondern des IOC. Moskau wird seine eigenen Spiele machen, daß sie nicht den Charakter eines Provinzsportfestes haben, ergibt sich aus dem Selbstverständnis der UdSSR-Regierung. Die Chance einer pompösen Selbstdarstellung, die München ebenfalls nutzte, wird gewiß nicht vertan werden. Der Gedanke an bescheidene Spiele muß ohnehin für ein weiteres Jahrzehnt zu den Akten gelegt werden, denn auch der Kandidat für 1984, Teheran, ist in der glücklichen Lage, sein Geld nicht zählen zu müssen.

Die Sowjets lassen dem Zufall keinen Spielraum. Sechs Jahre sind schnell verstrichen, argumentieren sie und reisen bereits in der nächsten Woche mit einer Beobachterdelegation gen Montreal, wo man nur noch 18 Monate Zeit und wenig mehr als ein großes Loch in der Erde hat. Der Olympiaauftrag an Moskau zieht weltweite Kooperationsbemühungen nach sich, bei denen auch München eine Rolle spielt. Über den Transfer von Fernsehsatelliten und recht viel technisches und organisatorisches Know-how kann verhandelt werden, aber die entscheidende Aufgabe müssen die Verantwortlichen selbst bewältigen: dem sowjetischen Bürger, der es gewohnt ist, dem Staat zu dienen, weniger seinen Landsleuten und noch weniger den Fremden, das nötige Maß an Flexibilität zu vermitteln, ohne dem eine Sportveranstaltung vom Kaliber Olympischer Spiele für alle Beteiligten zum Alptraum werden kann.