Als er dreieinhalb Jahre alt war, erhielt er von seinem Vater eine Spielzeuggeige, kanariengelb – wenig später zog er, wie ein veritabler Straßenmusikant, mit Opernmelodien durch das heimatliche Viertel Odessas. Als er fünf wurde, gab man ihn zu einem der berühmtesten Lehrer seiner Stadt, in der offenbar – Richter, Gilels, Milstein – Musiker glänzend gedeihen. Mit sechzehn saß er im Konservatoriumsorchester, mit siebzehn war er dort Konzertmeister und bot auf einer Tournee Tschaikowskys Konzert, mit achtzehn spielte er zum Examen die Erstaufführung eines Prokofieff-Konzertes und Tartinis Teufelstriller-Sonate. Ein Wunderkind? Auf jeden Fall ein ungeheuer fleißiges Talent.

Als er zweiundzwanzig wurde, gewann er seinen ersten Preis (beim allukrainischen Wettbewerb) – vor wenigen Wochen verlieh er als Moskauer Hochschulprofessor seinen letzten. Seit er, neunundzwanzigjährig, den wichtigsten aller Geiger-Wettbewerbe, den Ysaye-Concours in Brüssel gewann, stand er auf den obersten Stufen seiner Karriere – dreißig Jahre später saß er bei allen nur erdenklichen Wettbewerben, für Solisten, Dirigenten, Jugendorchester und Kammermusik-Ensembles, in der Jury. In aktuellen internationalen Schallplattenkatalogen finden sich weit über hundert Einzelaufnahmen, Historisches wird man zudem ausgraben. War es nur der Virtuose David Fjodorowitsch Oistrach, der so sehr geschätzt wurde?

Als er Mitte der fünfziger Jahre erstmalig nach dem Krieg wieder im Westen konzertierte, brachte er für die einen eine Aura, für die anderen eine Überraschung mit. Er kam als der Botschafter des musikalischen Rußland, als ein Fremder, zu dem eine Haßliebe natürlich scheint, dem Skepsis begegnet, die er dann hinwegfegt, der alle fasziniert und in seinen Bann schlägt, der sieht, wie sich überall langsam die Arme ausbreiten.

Er kam zu einer Zeit, da man noch begierig war auf die große Leistung, die überwältigende Brillanz, den prophetisch-priesterlichen Auftritt des Genies; da man noch empfänglich war für die musikalischen Griffe ans Herz, für das klangliche Pathos und das einschmeichelnde Melos, für die schöne Linie und den feinen Wohlklang; da man sich nicht zu scheuen brauchte, wenn man nach dem Tschaikowsky vor dem Strawinsky floh.

Und so kam er auf den Sockel, ein Standbild jenes Virtuosen, dessen Aura unwiderruflich war; für viele war er der Größte. Brahms, Mendelssohn und Sibelius, Schostakowitsch, Chatschurian, Prokofieff – die großen Romantiker waren es, die er mit ebenso viel stürmischem Elan wie mit klassischer Zucht spielte. Mozart geriet ihm gewiß nicht in der zum Maß aller Dinge erhobenen entweltlichten Verklärtheit und apollinischen Ausgewogenheit, eher mit manchem herben Zug und lebendig aus der Empfindsamkeit heraus. Bach gar hatte noch nicht die Renaissance des Historischen erlebt – andere sagen: war noch von der Akademie verschont geblieben.

Wenn er in den letzten Jahren mehr denn je zum Taktstock als zu seinem Instrument griff, hat er gewußt, daß er Nachlassendes hier klug ergänzen konnte. Wenn er dann gar seinen Sohn Igor begleitete, durfte man neuer Sternstunden sicher sein.

Am Donnerstag vergangener Woche, morgens gegen vier Uhr, starb David Fjodorowitsch Oistrach in einem Amsterdamer Hotel, siebenundsechzig Jahre alt, an einem ihn seit langem quälenden Herzleiden.