Die sechs Wochen, die der "Simplicissimus"-Redakteur Ludwig Thoma wegen fortgesetzter Beleidigung der königlich-bayrischen Sittlichkeitsvereine in Haft verbringen mußte, waren Anlaß und Gelegenheit für seine Komödie "Moral" gewesen: eine Satire gegen die Verlogenheit deutschtümelnder Moralapostel, denen "eine wohl nur eingebildete und phantastisch aufgeputzte Tugendboldigkeit der Germanen als Vorbild" gedient hatte. Er macht sich in seinem immer wieder hervorgeholten Stück lustig über die im Emilsburger Sittlichkeitsverein zur Rettung der Ehe engagierten Honoratioren, die allesamt im konfiszierten Tagebuch einer übereifrig verhafteten "zweifelhaften Dame" als Kunden, notiert sind. Bei der Uraufführung des bayrischen Stücks im preußischen Berlin 1908 war das ein äußerst aggressiver Spaß; heute kann die Komödie, gut gespielt, satirisch noch die letzten Zuckungen staatsanwaltlicher Prüderie streifen. Doch wie wirkt es in der Verkleidung eines Musicals, in der es letzten Sonnabend im "Musiktheater im Revier" in Gelsenkirchen uraufgeführt worden ist?

Es ist ein bißchen lustig, es ist ein bißchen langweilig, aber es bewirkt überhaupt nichts mehr. Satire mausetot, abgehobelt mit Musik.

Man hatte das befürchten können, aber nicht unbedingt erwarten müssen, denn die beiden Bearbeiten sind ja nicht ungeübt im Metier: Franz Grothe, Komponist von mehr als hundertsechzig Filmmusiken und vielgeliebten Evergreens, einer, der am seichten Wasser der Unterhaltung baut, ohne gleich reinzufallen – und Günther Schwenn, Verfasser von Texten für auch weit über hundert Bühnenstücke, Filme, Cabaret-Revuen und von Schlagern und Chansons. Aber ihre Gewandtheit war ihnen diesmal im Wege. Mit einer bemerkenswerten Naivität bekennen sie ihren "Autorentraum, gestützt auf Ludwig Thoma, ein eigenständiges deutsches Musical zu schaffen". Es scheint, als sei ihnen bloß das "deutsch" gelungen, aber nicht das Musical. Was sie darunter verstehen, ist ein in schön klingende, geschickt instrumentierte, eingängige Musik und in harmlose Chansonplaudereien getauchtes und dabei aufgeweichtes Theaterstück.

Wie soll man da noch einen Schimmer von Verworfenheit erhaschen, wenn die vielbegehrte, hochbezahlte, triumphierende Hure, der alle auf den Leim gegangen sind, wenn obendrein eine so blutvolle Schauspielerin wie Birke Bruck eine so blutlose Banalität zu singen hat wie diese: Liebe sei gefährlich, aber schön?

Das zwischen Operette und etwas Oper hin- und herschaukelnde Stück kommt auch durch die Inszenierung des Theaterchefs selber, Günter Könemann, nicht recht auf die Beine. Nicht nur irritieren solche Darstellerextreme, wie sie der Schauspieler Hermann Schömberg (Beermann) und der Opernsänger (Lutz U. Floth) sichtbar machen, der eine, der sprechen und spielen kann, etwas tapsig im musikalischen Tingeltangel, der andere, der nur singen kann, aber nicht darf, und spielen muß, aber nicht kann; nicht nur wird auf der Bühne viel herumgestanden, wird zu oft nur irgendwie gekommen und gegangen, werden schwache Stimmchen vom lauten Orchester niedergedrückt – man hat auch den Eindruck, es ginge gar nicht mehr um die Vermittlung eines Stoffs, sondern um die Jagd auf Lacher: "Moral" als musikalische Posse mit volkstümlicher Kalauerkomik.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand Lust hätte, dieses Musical zum zweitenmal zu erleben: einmal gesehen, gleich vergessen. Es hilft nicht viel, zu wissen, daß das gescheite, einfallsreiche Bühnenbild (von Heinz Balthes) am längsten in der Erinnerung bleibt.

Manfred Sack