Von Gabriele Vensky

In diesen Tagen werden die Weichen für die Zukunft der weißen Staaten im südlichen Afrika gestellt. Jetzt muß sich zeigen, welchen Weg Rhodesien und die Südafrikanische Republik gehen werden. Noch haben sie, so scheint es, die Wahl zwischen Evolution und Revolution; Südafrika zumindest.

"Der Lauf der Dinge hat jetzt eine neue Wendung genommen", sagt Chief Gatsha Buthelezi, der angesehenste Führer der schwarzen Südafrikaner. Damit meint er nicht das groteske Schauspiel, das sich gegenwärtig bei den Vereinten Nationen abspielt. Dort hat sich die Mehrzahl der UN-Mitgliedstaaten für einen Ausschluß Südafrikas aus der Weltorganisation ausgesprochen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, daß viele, die dort so lautstark den Anschlag auf die Menschenrechte beklagen, bei sich ein ebenso rassistisches oder zumindest nicht durch das Volk legitimiertes Regime dulden.

Was immer im fernen New York beschlossen werden mag, die Herrschaft der weißen Minderheit im südlichen Afrika ist davon nicht unmittelbar bedroht. Viel gefährlicher für sie ist der stetig wachsende schwarze Druck. Seitdem die Portugiesen damit begonnen haben, sich aus ihren afrikanischen Kolonien Moçambique an der Ostflanke der weißen südafrikanischen Staaten und aus Angola an der Nordflanke des von Pretoria besetzt gehaltenen Treuhandgebiets Namibia (Südwestafrika) zurückzuziehen, sind die auf Befreiung ihrer schwarzen Brüder drängenden Staaten im Norden nähergerückt; die Puffer sind verschwunden. Schwarzafrika steht jetzt unmittelbar auf der Türschwelle zu den Apartheidsstaaten Südafrikas.

Diese Entwicklung müssen selbst die härtesten Verfechter weißer Vorherrschaft in ihr Kalkül einbeziehen. Südafrikas Premier John Vorster, der bisher stets kategorisch erklärt hatte, die weiße Minderheit werde niemals die Macht mit der schwarzen Mehrheit teilen, erklärte nun seinem erstaunten Senat: "Das südliche Afrika stellt am Scheideweg zwischen Konfrontation und Kooperation." Sein Land sei bereit, mit den schwarzafrikanischen Staaten in einen Dialog einzutreten, ja sogar willens, ihnen jede wirtschaftliche Hilfe zu gewähren. In Südafrika solle ein Vielvölkerstaat entstehen, ein Commonwealth der Vereinten Südafrikanischen Nationen. Südafrikas Delegierter bei den Vereinten Nationen, Botha, durfte im Auftrag Vorsters erklären,, die südafrikanische Regierung sei nicht unflexibel "Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um von einer Diskriminierung wegzukommen, die sich lediglich auf die Unterschiede in Rasse und Hautfarbe stützt. Wir haben erkannt, daßwir einen Weg gehen müssen, an dessen Ende die souveräne Unabhängigkeit der betroffene: Menschen steht."

Diese neue Botschaft klingt gut, aber so recht mag niemand daran glauben; allzu abrupt erscheint der Sinneswandel der weißen Apartheidspolitiker. Die 16 Millionen Schwarzen, die zwei Millionen coloured (Mischlinge) und die 700 000 indischen Südafrikaner haben in der Vergangenheit gelernt, daß Mißtrauen gegenüber den Versprechungen der vier Millionen Weißen angebracht ist. Sie, die ohne Rechte in Abhängigkeit und Unmündigkeit gehalten worden sind, vertrauen mehr auf die Hilfe der afrikanischen Befreiungsbewegungen, vor allem der Frelimo in Moçambique, als auf die Einsichten der weißen Herren. In der Tat drängt sich der Verdacht auf, daß hinter den Versprechungen nicht die Erkenntnis steht, nur eine humane gerechte Politik der Gleichberechtigung könne eine Lösung der südafrikanischen Probleme bringen. Der Grund zum Einlenken war vielmehr der unerwartet schnelle Abzug der Portugiesen und die drohende Isolation.

Die vagen Versprechungen können ja nicht darüber hinwegtäuschen, daß – die allein von Weißen gewählte – Mehrheitspartei Südafrikas keineswegs bereit ist, grundsätzlich auf jede Diskriminierung zu verzichten, noch willens, den Schwarzen eine Entscheidung darüber zuzugestehen, wie ihre zukünftige "souveräne Unabhängigkeit" aussehen wird. Hinter diesem schönklingenden Begriff verbirgt sich nichts anderes, als eine neue Form der Diskriminierung: Die Schwarzen Südafrikas, die entsprechend ihrer Stammeszugehörigkeit in acht schwarzen "Nationen" zusammengefaßt sind und sich in reservatähnlichen Bantustans "getrennt entwickeln" müssen, sollen lediglich das Recht haben, sich mit der Weißen Republik Südafrikas zu einem losen Staatenbund zusammenzuschließen. Die Dominanz der vier Millionen Weißen wäre damit gesichert: 87 Prozent des Landes und 90 Prozent seiner Bodenschätze würden unter ihrer Kontrolle bleiben.