Wer die Gewerkschaften voreilig der wirtschaftlichen Unvernunft zieh, als die IG Metall die Forderungen für die Eisen- und Stahlindustrie formulierte, muß nun wohl revozieren: Der nach einer bei Tarifverhandlungen traditionellen Nachtsitzung erzielte Abschluß beweist konjunkturpolitisches Augenmaß der beiden Tarifparteien.

Vereinbart wurde: Erhöhung der Löhne um neun Prozent, eine Sonderzahlung von zweimal 300 Mark, zwei Tage mehr Urlaub, Verdienstabsicherung für ältere Arbeitnehmer und Vorverlegung der Kündigungsfrist für Urlaubs- und Weihnachtsgeld um ein Jahr. Der letzte Punkt deutet darauf hin, daß die Gewerkschaft versuchen wird, die Sonderzahlung künftig in eine Erhöhung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld einmünden zu lassen. Doch das ist Zukunftsmusik.

Mit dem Bonus von 600 Mark haben die Tarifparteien von Eisen und Stahl jedenfalls ein phantasievolles Beispiel dafür gegeben, wie der Boom einer Branche bei allgemein flauer Konjunktur bei der Lohnfestsetzung berücksichtigt werden kann: mit einer Art Gewinnbeteiligung ähnlich einer Dividende. Mit ihrer Zustimmung hat die IG Metall damit das Signal für eine Lohnrunde 75 gesetzt, die sich flexibel im Rahmen der Stabilitätspolitik halten kann. hm