Von Hermann Bößenecker

Allenthalben in Europa ist die Auseinandersetzung um die Rolle des Unternehmers und der Unternehmer-Wirtschaft entbrannt – vor allem in dem für sozialistische Strömungen stark aufgeschlossenen Frankreich. Dabei weiß man nicht recht, was man von Befragungen über das Image der Unternehmer in Europa halten soll.

So ist es gewiß ein recht fragwürdiges Kompliment, wenn dem typischen englischen "Company-Director" bestätigt wird, daß man in ihm weniger den unnahbaren klassebewußten Plutokraten von einst als vielmehr den "leicht amerikassierten, reise-und genußfreudigen Lebemann" erblickt. Allerdings, so ergab die Umfrage des britischen Institute of Directors, sei der englische Firmenchef – im Vergleich zu einer ähnlichen Studie aus dem Jahre 1966 – fleißiger und strebsamer geworden. "Ferientage je nach Wetter und Laune, ehedem ein unantastbares Privileg der britischen Executive, kommen aus der Mode", auch die "als Arbeitsessen deklarierten Lunch-Orgien". Auffallend das sinkende Durchschnittsalter: 25 Prozent der 3000 Befragten waren jünger als vierundvierzig.

Allerdings werden in der englischen Öffentlichkeit den Unternehmern auch ihre Sünden und Versäumnisse vorgehalten. Edward Heath beklagte als Premierminister, daß einige Skandale in der Londoner City den "peinlichen und unakzeptablen Aspekt des kapitalistischen Systems aufgedeckt haben. Ein Weißbuch der Regierung machte sich für die Unterbindung von Insidergeschäften und für größere Publizität stark. Auch hier wird die soziale Verpflichtung der Unternehmer betont. Kenner der englischen Verhältnisse verweisen darauf, daß die Effektivität weiter Bereiche der britischen Industrie immer noch darunter leidet, daß Chefposten allzu lange nicht nach Verdiensten und Können, sondern nach der gesellschaftlichen Herkunft, nach dem Grad der "Beziehungen" vergeben wurden.

Vor den deutschen Managern haben die Engländer größten Respekt: sie seien "exakt, kämpferisch, gut ausgebildet und von ihrer Arbeit besessen", lautet das Urteil eines kundigen Beobachters. Ein Professor für Experimentalpsychologie an der Universität Sussex stellte in sechs EG-Ländern ausgewählten Manager-Gruppen die Frage: "Wenn Sie in Europa ein neues Unternehmen aufbauen sollten, aus welchem Land würden Sie den Firmenchef, den Betriebsleiter, den Finanzdirektor, den Public-Relations-Manager, die Facharbeiter und die Hilfskräfte nehmen?" Das schmeichelhafte Ergebnis: die meisten Befragten würden am liebsten alle Posten mit Deutschen besetzen.

Nicht nur in Großbritannien, auch in den anderen Ländern sorgen sich heute weite Kreise der Unternehmerschaft um ihr Image. Sie erkennen ihre Verantwortung der Allgemeinheit gegenüber und lassen keinen Zweifel daran, daß die durchaus unhomogene Gilde der Arbeitgeber im großen Markt von morgen, in dem der Wettbewerb härter, aber nicht unmenschlicher werden soll, gründlich umlernen muß. Wenn beim Ziehen der "Giftzähne" des Kapitalismus nicht auch diesem selbst der Garaus gemacht werden soll, gilt es, die Schattenseiten dieses "Systems" klar zu erkennen und ihnen den Kampf anzusagen. Man darf damit nicht warten, bis die "Systemveränderer" in ihrem noch sehr vagen, emotional getönten Streben immer präziser und treffender Kritik üben lernen und festen Boden unter den Füßen gewinnen.

Erste Versuche, ein neues, zeitgemäßes Unternehmerbild zu "kodifizieren", mögen etwas naiv und hilflos anmuten, aber sie sind immerhin ein akzeptabler Anfang. Dies gilt beispielsweise für das im Februar 1973 vom Dritten Europäischen. Management-Symposion in Davos verabschiedete "Davoser Manifest" als Entwurf für einen Kodex des Wohlverhaltens für die Unternehmensführung. Darin wird von den Managern gefordert, daß sie Kunden, Mitarbeitern, Geldgebern und "der Gesellschaft" in gleicher Weise zu "dienen" und zwischen widerstreitenden Interessen auszugleichen haben.